Ich wollte schon lange die westlichen Dyngjufjöll sehen und ich
wollte schon lange in Island Rad fahren. Beides zu verbinden liegt
nahe, denn der Fußweg über die Öskjuvegur ist nicht
jedermanns Sache: Lange und alles in allem recht eintönige Etappen.
Stephan und ich hatten uns deshalb vorgenommen mit dem Fahrrad
durch das Hochland zu fahren: Die
Strecke
sollte von Akureyri über den Goðafoss zum Svartárkot
führen; von dort nach Süden ins Hochland, durch das Dyngjufjalladalur
auf die Gæsavatnaleið syðri, weiter über die
Gæsavötn nach Nýidalur und auf der Sprengisandur
nach Süden wieder hinaus (möglicherweise mit dem Bus,
falls uns das Wetter ausbremsen sollte). Dafür hatten wir brutto
10 Tage Zeit.
26.6.2009: Wir fliegen von München nach Keflavík und kommen
nach Mitternacht isländischer Zeit an. Bis wir unsere Räder haben
und im Bus nach Reykjavík fahren vergehen noch einmal zwei
Stunden, so dass wir schließlich gegen halb drei Uhr nachts
am Busbahnhof BSI ankommen. Am nächsten Vormittag um 10 wollen
wir vom Stadtflughafen Reykjavík weiter nach Akureyri.
Hotel oder Campingplatz lohnen sich also nicht und wir
übernachten im BSI.
Das geht erstaunlich gut, wenn auch kaum mehr als zwei bis drei Stunden
(Halb-)Schlaf dabei herauskommen. Gegen fünf Uhr brechen die
ersten zum Flughafen auf; wenig später montieren wir unsere
Räder zusammen.
Wir haben schöne, schnörkellose Mountainbikes,
die schon ein paar Jahre älter sind: Klassische Stahlrahmen
ohne Federung. Übersetzung, Felgen und Reifen habe
ich wie folgt gewählt:
- vorn ein 42er-Kettenblatt und hinten einen XT-Zahnkranz
(9-fach, 12-32);
- breite Mavic-Felgen
- 50mm breite Schwalbe Marathon XR Reifen.
Derart ausgerüstet hatte ich trotz härtester Beanspruchung keinerlei technische Probleme,
nicht mal einen Platten. Ansonsten versuchten wir das Gewicht zu minimieren:
Nur das Nötigste an Essen und Kleidung und ein äußerst leichtes
Zelt. Trotzdem wog das voll bepackte Rad ca. 30 kg.
Als das Café im BSI öffnet sind die Räder
gerade fertig montiert und gepackt.
Alles, was wir auf der Tour nicht
brauchen, deponieren wir im BSI. Wir frühstücken noch
einmal ausgiebig und machen uns gegen 9 auf, die 2 km zum
Flughafen zu radeln. Die Räder fliegen mit uns nach Akureyri,
wo wir gegen Mittag ankommen. Wir müssen noch einmal in das
Städtchen fahren, um unsere Vorräte für die nächsten
7 Tage zu vervollständigen, v.a. um Benzin für den Kocher
zu kaufen. In einer Ólio-Tankstelle werden wir fündig und
gegen halb drei nachmittags fahren wir los.
Der Wind bläst kräftig aus Nord, es ist kühl und ziemlich
klar. Wir fahren um den Fjord, bleiben aber nicht auf der Ringstraße,
sondern nehmen die alte Piste über die Vaðlaheiði. Das bringt uns
die ersten 550 Höhenmeter. Wir treffen eine Gruppe von Reitern, die
auf dem Weg zum Mývatn sind. Bei einer Rast laden Sie uns auf einen
Kaffee und Kleinur ein. Es wimmelt von Mücken in der Nähe der Pferde, so dass wir erstmals gezwungen sind, ein Mückennetz über den Kopf zu
ziehen. Das wird in den nächsten Tagen noch häufig passieren.
Unten kommen wir wieder auf die Ringstraße zum Ljósavatn und
haben seltsamerweise den Wind genau von vorn, also aus Osten. Gegen sechs
Uhr erreichen wir den Góðafoss. Wir sind sehr müde und es
friert uns. Ich esse drei Teller Suppe im Kiosk; die schmeckt zwar nicht
besonders, ist aber heiß. Trotzdem wird mir nicht richtig warm. Mir
fehlen Kalorien und vor allem Schlaf. Da aber das Wetter gut ist und nach wie
vor (oder vielmehr wieder) der kräftige Nordwind bläst, sind
wir uns einig, dass es Unsinn wäre, heute nicht so weit wie möglich
nach Süden zu fahren. Nach einer Stunde machen wir uns auf den Weg
Richtung Svartárkot. Die Straße 844 ist nicht asphaltiert aber
sehr gut zu fahren. Dabei führt sie stets ganz leicht bergan, so dass wir
nach etwa 30 Kilometern nahezu 200 Höhenmeter geschafft haben, ohne es
zu merken. Der kurze Anstieg ins Hochland, die letzten 100 Höhenmeter,
fallen uns dafür umso schwerer. Um halb zehn erreichen wir
nach etwa 100 km seit Akureyri den Hof Svartárkot.
Schon bei der Einfahrt zum Hof begrüßt uns der Hofhund.
Vor allem ich habe es ihm angetan, er tänzelt um mein Fahrrad,
dass ich kaum mehr bis zum Haus komme. Zunächst
bin ich mir nicht sicher, ob er agressiv ist, aber er stellt sich schon bald
als sehr zutraulich heraus. Zu zutraulich, wie wir noch feststellen werden.
Die Bäurin erlaubt
uns das Zelt aufzustellen, und wir schlafen sehr bald sehr tief.
Es ist neblig am Morgen. Das Außenzelt ist auf der Innenseite nass.
Wenig Wind. Aber schon während des Frühstücks lichten
sich die Nebel und - sehr idyllisch - schwimmen zwei Singschwäne auf
den blauen Wassern des Svatárvatn.
Um zehn Uhr sind wir bereit zur Abfahrt. Gleich nach dem Hof fahren wir zunächst fälschlicherweise links, merken den Irrtum aber bald und halten uns
rechts. Von den ersten Metern an habe ich Probleme zu fahren, weil der Hofhund
ständig um mein Fahrrad hüpft. Ein paar Mal touchiere ich ihn mit dem
Vorderrad, was ihn aber nicht zu stören scheint. Irgendwann fahre ich
einigermaßen rücksichtslos drauflos und das klappt ganz gut:
Hund springt meistens gerade rechtzeitig zur Seite. Ich habe schon ein
ungutes Gefühl, weil mir schon einmal, bei
meiner ersten Wintertour in Island,
ein Hund ins Hochland nachgelaufen ist, den ich mühsam zurückbringen musste. Aber noch hoffe ich, dass
wir uns in seinem Revier befinden und er bald kehrt macht. Am letzten Gatter
sage ich zu Stefan, er solle es schnell hinter mir schließen, damit der Hund
nicht nachkommt; genau in dem Moment springt er einfach über den Zaun.
Der Weg durch die Lava ist viel besser zu fahren als erwartet: Ziemlich fester,
erdiger Grund. Die Strecke ist sehr kurvig, so dass es schwer zu sagen ist,
was denn nun die vorherrschende Richtung ist. Prompt nehmen wir an einer
Weggabelung wieder den
falschen (linken) Weg, müssen einen Kilometer
zurückfahren, als wir unseren Irrtum entdecken. Aber alles in allem sind
die zweieinhalb Stunden bis zur Hütte Botni das reine Genussradeln.
An den Suðurárbotnar treffen wir zwei Wanderinnen aus Deutschland,
die gerade aufstehen und wie wir weiter zur Dyngjufjöll-Hütte
wollen; dann allerdings über die Askja zur Dreki-Hütte, also
den normalen Wanderweg Öskjuvegur.
Ich hoffe kurz, unser Hund werde sich
umorientieren, aber vergeblich. Er bleibt mir treu. Bis zu den
Gæsavötn werden wir keine Urlauber mehr treffen.
Wir rasten an der Hütte. Unser opulentes Mittagessen besteht aus 1 1/2
Flatkökur und 4 cm Salami. Ansonsten nur Nüsse oder ein
bisschen Schokolade oder Kekse. Hunger ist heute allerdings nicht unsere
Hauptsorge, eher Durst. Es ist der heißeste Tag der Tour und in der
Lavawüste gibt es keinerlei Schatten. Ich trinke nochmal ordentlich,
fülle die Fahrradflasche, aber mehr auch nicht: Stephan meint mit
dem Brustton der Überzeugung, dass es an der Dyngjufjallaskáli
Wasser gebe, ein ganzer Bach voll, zum reinlegen.
Etwa um ein Uhr mittag fahren wir weiter.
Mit dem Genussradeln ist es erst mal vorbei. Der Weg durch die Lava ist
voller Geröll,
oft kaum zu erkennen, so dass die Steinmännchen zu wichtigen
Orientierungspunkten werden. Der Tacho zeigt oft kaum mehr als 6 oder 7 km/h.
Aber immerhin: Wir fahren. Nach etwa 2 h ist es damit auch vorbei: Die Lava
hat ein Ende, der Sand beginnt. Zu fahren sind jetzt höchstens noch ein
paar hundert Meter am Stück, bergauf gar nicht, sonst nur, wenn der
Sand mal etwas weniger tief ist. Sonst schiebt man durch den heißen,
schwarzen Sand, die 30 kg Fahrrad mit Gepäck drohen dauernd stecken
zu bleiben. Die Wasserflaschen sind inzwischen leer und Stephan träumt
wieder vom Bach, in dem wir am Abend liegen werden. Der Hund tut mir
leid in seinem dicken Fell, den ganzen Tag in der Sonne und seit Stunden
ohne Wasser. Endlich erreichen wir das Dyngjufalladalur. Hier ist der
Sand etwas weniger tief, die letzten zwei Kilometer zur Hütte
kann ich wieder durchgehend radeln.
Ich kann es nicht erwarten, endlich zu trinken und im Bach zu liegen und
bin deshalb ein wenig vorausgefahren. Kurz nach sechs erreiche ich die
Hütte. Fünf Stunden für etwa 20 km! Direkt vor der Hütte
geht es durch etwas, das ein Bachbett sein könnte, allerdings ohne
Wasser. Ich ahne Fürchterliches. Die Ahnung wird zur Gewissheit,
als ich halb in der Erde vergraben ein Plastikwasserfass sehe. Ich
nehme den Stein vom Deckel, schau rein und bin einigermaßen beruhigt:
Abgestanden aber anscheinend einigermaßen sauber. Dem Hund gebe ich
gleich ein bisschen in einer Waschschüssel, die ich in der Hütte
finde. Dann lege ich mich auf die Bank vor der Hütte und warte
auf Stephan und das Gesicht, das er machen wird.
Wäre ich an seiner Stelle gewesen, so hätte ich mich erst mal 20
Minuten aufgeregt, dass die Isländer ihre Bäche nicht im Griff haben.
Stephan stellt ziemlich nüchtern fest: "Hier war einmal ein Bach."
Dann irrt er noch ein wenig ratlos ums Haus auf der Suche nach Altschnee
ehe er ohne Kommentar einen Wassersack nimmt und das trockene Flussbett
aufwärts stapft. Cool. Ich denke na ja und gehe ins Haus um ein
wenig Brackwasser abzukochen; Teebeutel rein und es ist einigermaßen
trinkbar. Als ich gerade den schlimmsten Durst gestillt habe kommt nach
etwa einer dreiviertel Stunde Stephan zurück: Mit einem Sack voller
Wasser. Nicht gerade kristallklar, aber trinkbar. Etwa 1 km flussaufwärts
versickert Schmelzwasser aus einem Altschneefeld nach wenigen Metern im Boden.
Ich mache mich ebenfalls mit zwei Wassersäcken auf den Weg und unser
Vorrat bis zum nächsten Tag ist gesichert.
Im Gästebuch der Hütte finden wir nur wenige Einträge aus
diesem Sommer. Drei Tage vor uns planten Franzosen zur Dreki-Hütte
weiterzugehen, kehrten aber wegen schlechter Sicht um. Stattdessen
sind sie am nächsten Tag uns voraus über die Gæsavatnaleið
nach Nýidalur aufgebrochen. Wir werden in den nächsten Tagen
immer wieder ihre Fußabdrücke finden.
Unser Hund liegt die ganze Zeit vor der Tür
und versucht nicht einmal hereinzukommen. Wir konnten und wollten ihm nichts
zu essen geben, so hatte er den ganzen Tag nichts als ein paar Schluck Wasser.
Komme ich aus der Hütte, so springt er an mir hoch und versucht das
Gesicht abzuschlecken. Gebellt hat er nie, nur einmal, als zwischen 10 und
11 in der Nacht die beiden Frauen ankommen, die wir in Botni getroffen
haben. Wir schlafen aber schon fast, als sie hinter der Hütte ihr Zelt aufstellen.
Am Morgen ein Triumphschrei von Stephan, der grade mal raus musste:
"Na, was sag ich? Jürgen komm mal, schau dir das an!". Ich gehe raus und
verstehe erst gar nicht was er meint. Dann seh' ich's auch: Der Bach führt
Wasser, eine braune Brühe, aber nicht mal wenig. Es hat nicht geregnet
in der Nacht und die richtig überzeugende Erklärung für dieses
Naturphänomen haben wir nicht. Vielleicht ist in der Nacht ein
Staudamm aus Altschnee gebrochen.
Wir starten 1/4 vor 10. Die Frauen schlafen noch. Der Anstieg durch das
Dyngjufjalladalur führt etwa 300 Höhenmeter
auf 930 m hinauf und ist mit den
Rädern extrem anstrengend. Nur gelegentlich ist der Weg befahrbar,
höchstens einmal 800 m am Stück. Eine Piste ist nicht mehr
zu erkennen. Immer wieder zeichnen sich schwach alte Reifenspuren ab, sicher
nicht aus diesem Jahr. Der Untergrund ist meistens sandig, mal gröber,
mal feiner, mal trockener, mal feuchter. Die Landschaft ist bizarr - "Mittelerde", wie Stephan
sagt: Riesige Felsblöcke, Lava, Gletscherbäche, Schneefelder,
die verschneiten Berge der Askja und fast vollkommene Stille. Etwa auf halbem
Weg nach oben müssen wir nochmal Schmelzwasser tanken: Eine braune, sandige
Brühe, das letzte Wasser für die nächsten eineinhalb Tage.
Jeder füllt zwei 4-Liter-Wasserbeutel und schleppt damit nochmal
8 kg mehr. Einmal sind wir gezwungen das Gepäck von den Rädern
zu nehmen, um erst das Rad und dann die Taschen eine steile, mit Altschnee
bedeckte Rampe hinaufzuwuchten. Weiter oben häufen sich die Schneefelder.
Unsere mittlerweile fast 40 kg schweren Räder darüberzuschieben
ist eine Qual: Die Räder bleiben fast stecken und wir auch; meine
Schuhe sind völlig durchnässt; wo der Schnee schon geschmolzen
ist, ist der Untergrund ein weicher Morast, in dem wir manchmal bis zum
Knöchel versinken. Wir überqueren den Pass fast unmerklich, da
der Weg nach Süden kaum abfällt. Als der Blick frei wird auf die
Gæsavatnaleið machen wir gegen 3 Uhr nachmittags Rast. Wir
haben für den Anstieg etwa 5 h gebraucht.
Wie gesagt, es geht nach dem Pass nicht nennenswert bergab. Wegen des
weichen Untergrunds ist auch die Abfahrt, wenn man das so nennen will, nur
stückchenweise möglich. Schließlich erreichen wir die
Gæsavatnaleið nyðri (F910) und die Verhältnisse bessern
sich etwas. Wir folgen der Piste etwa dreieinhalb Kilometer nach Osten.
Auch hier zwingen uns Altschnee und gelegentlich tiefer Sand immer wieder
abzusteigen. Wir begegnen einem Jeep auf dem Weg nach Nýidalur,
der allerdings nicht Touristen
gehört (die F910 ist immer noch offiziell geschlossen), sondern
einem Rescue Team. Kurzer Austausch woher, wohin und tschüß.
Dann zweigt die Gæsavatnaleið syðri nach Süden ab.
Es wird immer sandiger und wüstiger, je nachdem wie tief der Sand
ist, können wir fahren oder auch nicht. Ein kräftiger Wind
bläst uns aus Süden entgegen und gegen 19 Uhr stellen wir bei km 33
unser Zelt in einer Senke im Lavafeld auf. Hier gibt es kein Wasser, so
dass unser Hund an diesem Abend nicht nur hungert, sondern auch noch
dürstet. Ein wenig Wasser, das ich ihm in einen hohlen Stein gieße,
ignoriert er. Trotzdem macht er keine Anstalten ins Zelt zu drängen, sieht
uns mit müden Augen beim Essen zu oder döst an einem
windgeschützten Plätzchen vor sich hin.
Ich schlafe nicht gut und bin um viertel nach fünf wach. Da die Sonne
hell scheint und es warm wird im Zelt, wecke ich Stephan. Er blinzelt mich
an, aber als ich ihm sage, dass es halb neun ist, ist er sofort hellwach.
So schaffen wir es, bereits um halb acht loszufahren.
Es geht weiter durch die Wüste immer längs der Lava. Der Untergrund
ist weiterhin sandig, aber wir fahren gleich zu Beginn vier (!) Kilometer am
Stück. Das ist sensationell. Als die Piste zum Schwemmland
vor dem Vatnajökull hinabführt, gleicht sie wieder einem
Sandkasten.
Noch vor neun Uhr erreichen wir das Schwemmland:
Eine weite, braune Ebene vor dem Eis des Gletschers, das hier eher schwarz als
weiß ist, durchzogen von
Rinnen, die sich jede Minute mehr mit Wasser füllen. Zunächst aber
fahren wir auf wunderbar festem Lehmboden, besser als Asphalt. Nach
einem Kilometer wird der Boden zusehends feuchter, es gibt mehr und tiefere
Rinnen; die Piste biegt nach Westen ab, markiert durch gelbe Stangen.
Die führen schießlich durch ein ausgedehntes, zehn bis zwanzig
Zentimeter tief überflutetes Gebiet, also gerade noch fahrbar, auch
wenn ich mehrmals drohe im aufgeweichten Untergrund stecken zu bleiben.
Als wir am Einstieg zum Anstieg zum Urðarháls ankommen,
sind Schuhe und Strümpfe durchnässt. Aber wie schon am Tag zuvor
würden sie auch heute rasch trocknen.
Die Piste besteht nun aus grobem Geröll. Anfangs ist sie so steil,
dass an fahren nicht zu denken ist. Aber nach vielleicht 50 Höhenmetern
ist es möglich, wenngleich mühsam, einen fahrbaren Weg durchs
Geröll zu finden. Fahren ist fast zuviel gesagt, es gleicht eher einem
Balancieren auf dem Rad von Stein zu Stein. Immerhin erreichen wir
auf diese Art den Urðarháls ohne abzusteigen.
Dieser überrascht und beeindruckt mich sehr: Ich hatte keinen Krater
dieses Ausmaßes erwartet. Danach wird es eher einfacher, da die
meisten Höhenmeter geschafft sind und erst kurz vor der
Kistufell-Hütte die Piste noch einmal steil ansteigt. Wenige Meter nach
dem Krater haben wir unsere erste Panne: Stephan muss Mantel und Schlauch
wechseln. Gegen halb eins erreichen wir auf etwa 1050 m
die Hütte, oder besser das
Lavafeld gegenüber; den Weg zur Hütte sparen wir uns.
Wir rasten eine knappe Stunde in dem Irrglauben, das Schlimmste liege für
diesen Tag hinter uns. Tatsächlich folgen dreieinhalb Stunden durch die
Lava, die zum härtesten gehören, was diese Tour zu bieten hatte; allenfalls
die Schneefelder und Moraststrecken beim Anstieg durch das Dyngjufalladalur
können mithalten. Anfangs konnten wir noch ganz gut durch die Lava kurven;
aber schon bald versperrten immer wieder ausgedehnte Schneefelder den Weg,
teilweise steil ansteigend. Mit jedem Höhenmeter gab es noch mehr Schnee.
Immer häufiger mussten wir durch Schmelzwasser waten und nach jedem Absatz,
den wir für den Gipfel hielten, folgte nur die nächste Schnee- und
Wasserquerung und der nächste Anstieg. Der Himmel verfinsterte sich und es
wurde kalt. Wenn es nicht gerade über Schnee oder durch's Wasser ging,
dann auf verschlungenen, morastigen Wegen durch die Lava; befahrbar zwar,
aber wie!
Wir sind seit fast zehn Stunden unterwegs. Stephan zeichnet sich
wieder durch stoischen Gleichmut aus. Ich nicht. Die
Füße sind nass und bleiben nass.
Die Kräfte lassen langsam nach, als wir endlich gegen 5 Uhr abends
auf etwa 1200 m den Pass
in Gestalt eines engen Tores aus Lavafelsen erreichen:
Der Blick wird frei steil hinab auf noch mehr Lavafelder. Himmel, Steine,
Erde, Berge, Gletscher - eine Welt in schwarzweiß.
Die Abfahrt ist erst mal keine, die Gesteinsbrocken viel zu grob und auch
die Schneefelder hören noch nicht auf, verlieren bergab allerdings einiges
von ihrem Schrecken. Endlich ist das letzte Schneefeld überquert und
wir können tatsächlich fahren. Bald sind auch die Gæsavötn
zu sehen und am Ufer ein Zelt mit zwei Menschen: Die Franzosen, deren
Eintrag ins Hüttentagebuch in der Dyngjufjallaskáli wir
gelesen hatten. Etwa 500 m vor dem See kreuzen wir einen Bach, an dem
etwas Moos in grellem Kontrast zum üblichen schwarz-grau
wächst. Geradezu überwältigend dann der Anblick der
Wiesen am Ufer der Seen. Wir zelten auf weichem, saftigen Gras, der
Bach mit klarem Wasser plätschert dahin, und es ist ein Genuss,
barfuß durchs feuchte Gras zu gehen.
Wir haben das Zelt noch nicht lange aufgebaut, als ein Jeep ankommt und
kurz danach bekommen wir Besuch im Zelt: Der Ranger des Gebiets ist
ausgerechnet heute zum ersten Mal in diesem Jahr zu den Gæsavötn
gefahren, um sich umzusehen. Er fragt uns sehr interessiert nach dem Zustand
der Gæsavatnaleið syðri und schließlich nach unserem Hund.
Als wir ihm dessen Geschichte erzählen staunt er ungläubig,
schlägt aber schließlich zu meiner großen Erleichterung vor,
den Hund später mit zurück nach Nýidalur zu nehmen.
Tatsächlich ist er verschwunden, als wir mit dem Essen fertig sind.
Ein bisschen wehmütig ist mir dann doch zumute.
Wir brechen um halb zehn nach Nýidalur auf. Die Franzosen sind schon
losgegangen. Die Piste ist gut zu fahren und das wird sich auch den ganzen
Tag nicht wesentlich ändern. Bald haben wir die Wanderer eingeholt und
nach gut einer Stunde erreichen wir die Gæsavatnaleið nyðri
(F910).
Der restliche Tag ist vor allem durch die zahlreichen Furten gekennzeichnet.
Die beiden größten sind am Anfang und am Ende zu queren; dazwischen
liegen etwa ein halbes Dutzend weitere. Die Strömung ist teilweise
so stark, dass wir das Rad nicht durch's Wasser schieben können, es
wird einfach weggeschwemmt und hat keinen Bodenkontakt mehr. Stattdessen
ziehen wir es durch und es ist manchmal nicht leicht, die 30 kg festzuhalten und
dabei noch sicher zu stehen.
Die Strecke, obwohl recht gut zu fahren, ist doch anstrengend, da sehr
hügelig. Sie schwankt dauernd zwischen 800 und 900 Meter und wird
erst auf der Sprengisandur etwas ebener. Diese ist immer noch nicht
offiziell eröffnet und oft noch sehr nass.
Als wir die Furt in Nýidalur erreichen, wartet auf der anderen Seite
des Flusses schon der Hund. Sobald die Sprengisandur
offiziell freigegeben ist, wird
ihn der Bauer aus Svartárkot abholen und heimführen. Jetzt
paddelt er uns trotz der reißenden Strömung entgegen. Um 5 Uhr
nachmittags sind wir schließlich in der Hüttte und werden von
der Frau des Aufsehers mit Lummur (kleine, dicke Pfannkuchen),
Rhabarbermarmelade und Kaffee
begrüßt. Wir sind die einzigen Touristen in Nýidalur
und entschließen uns daher in der gemütlichen
Hütte zu übernachten. Später kommen noch zwei Radler
aus Franken; sie sind am Morgen 80 km südlich in der Nähe des
Kraftwerks Sigalda gestartet und über die Sprengisandur gefahren. Sie
beklagen sich furchtbar über die Mücken und haben außerdem
einen Schaden an der Felge mit dem sie kaum mehr aus dem Hochland rauskommen
werden. Wir werden sie am Flughafen in Keflavík wiedersehen.
Sie sind sehr lustig und beeindrucken uns vor allem durch ihre Essgewohnheiten:
Sie packen ihren Frankenlaib aus der Heimat aus, zwei Dosen Pfälzer
Schinkenwurst vom Metzger ihres Vertrauens, dazu (immerhin isländische)
Butter in rauhen Mengen. Kein Wunder wenn die Felge bricht.
Hrauneyjar. Wir sind gegen 8 in Nýidalur losgefahren und kurz nach
8 hier angekommen. Über 12 Stunden und 110 km und in Summe deutlich mehr
als 1000 Höhenmeter durch die Sprengisandur. Mit 3 Keksen, ein paar
Nüssen und den üblichen 4 cm Salami als Mittagessen.
Am morgen verabschieden wir uns von den Wirtsleuten
in Nýidalur und vom Hund, der fest angeleint
ist, damit er uns nicht wieder folgen kann.
Heute wird die Sprengisandur offiziell freigegeben. Der Hund kommt also nach
hause, und auf der Fahrt über die
Sprengisandur treffen wir zahlreiche Jeeps und einige Hochlandbusse,
die sich weithin durch Staubwolken ankündigen.
Die Piste ist technisch leicht zu fahren, aber sehr hügelig mit
teilweise sehr steilen Anstiegen, insbesondere kurz vor Versalir, wo ich
die Isländer verfluche, weil sie keine Serpentinen kennen.
Der Wind bläst uns aus SO entgegen und nimmt im Laufe des Tages an
Stärke deutlich zu. Bei Versalir (km 57) haben wir ganz subjektiv das
Gefühl, die Sprengisandur hinter uns zu lassen; das mag je nach
Interpretation richtig sein, ändert aber nichts daran, dass es erst die
Hälfte des Weges nach Hrauneyjar ist.
War die Landschaft bisher ausgesprochen reizvoll mit vielen schönen
Blicken über die Hochlandwüste und den Hofsjökull, so wurde
sie nun ausgesprochen trostlos, fast hässlich. Ab Versalir ging es nur
noch darum die Kilometer abzuspulen, so schnell wie möglich. Ich versuche
nur noch alle 5 km auf den Tacho zu schauen, um mich nicht dauernd zu
frustrieren. Ähnlich wie auf der Gæsavatnaleið syðri
scheint auch diesmal mit fallender Stimmung der Luftdruck zu fallen:
Wolken ziehen auf, es sieht nach Regen aus und der Gegenwind wird auch immer
stärker. Wir radeln zusehends müder durch die Trostlosigkeit
und zu allem Überfluss hören auch die Steigungen nicht auf.
Irrationale Hoffnungen keimen auf: Ich
sehe die Piste verläuft steil den nächsten Berg hinauf
und rede mir ein,
dass es zuvor rechts abgehen muss nach Hrauneyjar. Tut es aber nicht. Kurz
vor Sigalda führt die Piste noch einmal hinauf auf den Vatnsfell,
753 m, womit wir fast wieder auf der Höhe von Nýidalur sind.
Den ganzen Tag bin ich im T-Shirt gefahren, aber auf diesen letzten
Kilometern vor Sigalda ziehe ich die Jacke und schließlich sogar den
Anorak an. Das hat weniger mit den schwarzen Wolken, dem Wind und
den vereinzelten Regentropfen zu tun: Ich habe nichts mehr zu verbrennen.
Selbst an den steilen Anstiegen komme ich kaum mehr in Schwitzen,
trotz Anorak, und
oben kreise ich mit den Armen, während ich auf Stephan warte, um das
Blut weiter zirkulieren zu lassen. Die Hände werden taub und der Geist
stumpft ab.
Nach der Abfahrt vom Vatnsfell beginnt die Asphaltstraße. Ein komisches
Gefühl nach sechs Tagen Sand, Steine, Dreck und Wasser. Kurz danach das
Schild nach Hrauneyjar: 13 km. Der Schock bleibt aus, weil mir mittlerweile
ohnehin alles egal ist und es außerdem auf dem Asphalt vorwiegend bergab
geht. Trotzdem sind die letzten Meter eine Qual. Als wir schließlich
in Hrauneyjar ankommen, mieten wir uns in der Schlafsackunterkunft ein,
duschen und essen: Gemüsesuppe mit Lammfleisch. Darauf habe ich mich in
Erinnerung meines letzten Stopps in Hrauneyjar
im Winter 2008 den ganzen Tag
gefreut. Leider schaffen wir nicht annähernd so viel zu essen und zu
trinken, wie wir uns
vorgenommen hatten. Stephan verabschiedet sich gleich nach der Hauptspeise.
Trotzig trinke ich noch ein Bier und esse Kuchen,
ehe ich todmüde ins Bett falle.
Wir sind uns zunächst nicht ganz schlüssig, wo wir unsere Tour
beenden sollen:
Landmannalaugar oder Südküste? Da wir aber möglichst
schon am Abend in Reykjavík sein wollen, entscheiden wir uns dafür,
den Bus von Landmannalaugar nach Reykjavík in Hella abzupassen. Das
rundet die Tour auch auf schöne Weise ab: Von der Nordküste zur
Südküste durch das Hochland.
Die etwa 80 km von Hrauneyjar nach Hella sind unspektakulär: Asphalt und
Piste wechseln sich ab, wir haben kräftigen Gegenwind, Lupinen blühen
am Wegrand, im Hintergrund der Vulkan Hekla, mal mehr, mal weniger in den
Wolken. Wir pausieren in Leirubakki und erreichen gegen 16 Uhr Hella.