Gleich vornweg: Wir hatten gutes Wetter. Denn andernfalls hätten wir
den Hofsjökull nicht überquert.
Die vier großen Gletscher Islands heißen Vatnajökull,
Langjökull, Hofsjökull und Mýrdalsjökull.
Der Hofsjökull liegt genau in der Mitte Islands.
Es ist wohl der einsamste der vier Gletscher.
Einsam sind sie natürlich alle. In der Regel sind es drei bis fünf Tagesmärsche bis zum nächsten
Außenposten der Zivilisation, sei es ein Hof, eine Tankstelle oder eine zwar unbewohnte,
aber relativ häufig besuchte Hochlandhütte. Auch wir haben in den letzten fünf Tagen niemanden
gesehen, auch nicht aus der Ferne.
Dennoch gibt es Unterschiede: Auf dem Langjökull, so ein "running gag" der
Isländer, ist die größte Gefahr, nächtens im Zelt von einem Jeep überfahren zu werden.
Ich erinnere mich, an einem Samstag auf dem Langjökull aus sicherer Entfernung etwa 20 Jeeps
in einer Reihe gezählt zu haben. Was uns nicht am Zelten hinderte. Interessanterweise stand
am nächsten Morgen immer noch ein Jeep ganz allein auf dem Gletscher.
Der Hofsjökull dagegen wird kaum befahren, geschweige denn begangen. Er wurde
mutmaßlich in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts erstmals zu Fuß
überquert.
(Dieter Graser machte mich darauf aufmerksam, dass wohl schon früher
der Deutsche Hermann Stoll den Hofsjökull bestieg.
)
Das Gipfelplateau liegt
auf ewa 1750 m. Rund um dieses Plateau, vor allem bei den Hásteinar, gibt es viele Spalten. Vor
zwei Jahren fuhren zwei Jeeps östlich dieser Felsen über den Gletscher, als der zweite Wagen
plötzlich im Rückspiegel des ersten nicht mehr zu sehen war. Er steckte 35 m tief in einer Spalte.
Wunderbarerweise überlebte wenigstens einer der beiden Insassen. Das Auto musste aufgeschnitten
werden, um ihn zu bergen. Es steckt immer noch dort oben und wer Lust hat, kann sich auf die Suche
danach machen.
Deshalb wählten wir eine Route über den Gletscher, auf der wir Spalten nicht so sehr fürchten
mussten. Das war gut so, es war auch so spannend genug.
Draußen ein eisiger Nordwind, in mir Lammfleisch mit Gemüsesuppe, vor mir Kaffee und ein Schokoladenkuchen, dessen Oberseite einem Lavafeld gleicht. Óskar, unser Fahrer, macht sich
draußen am Jeep zu schaffen, lässt vielleicht etwas Luft aus den Reifen, während wir hier drin
im Warmen ein letztes Mal die Annehmlichkeiten einer zivilisierten Umgebung genießen.
Es geht gleich weiter nach Versalir in der südlichen Sprengisandur. Die Sprengisandur ist schon
im Sommer eine öde und sehr einsame Hochlandwüste; im Winter ist sie nicht nur öde sondern vor
allem kalt. Zwischen Hofsjökull im Westen und Vatnajökull im Südosten gelegen, bläst dort
fast immer ein starker Nordost- oder Südwestwind, wie durch einen Kamin. Es stürmte schon die
ganze
Fahrt von Reykjavík
bis hierher, an den Rand des Hochlands. Am andern Tisch sitzen ein
paar Snowscooterfahrer, nicht wissend, was sie bei diesem Wetter anfangen sollen.
Wir fahren nach dem Kuchen trotzdem weiter. Noch sitzen wir im warmen Jeep, aber der
Blick nach draußen gibt einen treffenden Vorgeschmack auf das, was uns die nächsten Tage
erwartet: Wir sehen nichts.
Þúfuvatnaskáli, 23.2.08, abends
-6,3° draußen, -4,8° drinnen. Die Hütte am Púfuvatn ist komfortabel, aber
nicht beheizbar. Wir sind trotzdem sehr froh hier zu sein. Die ersten zehn Kilometer waren
nicht gerade eine Einladung weiterzugehen. Gegen zwei Uhr nachmittags haben wir uns
von Hjámtýr und Óskar
verabschiedet.
Es war schon ein seltsames Gefühl, die beiden mit
dem Jeep im Nebel verschwinden zu sehen, während wir allein auf der Piste im immer
gleichen, eisigen Wind zurückblieben. Da war es tröstlich, eine Hütte mit vier festen, winddichten
Wänden zum Ziel zu haben. Und noch tröstlicher, sie tatsächlich zu finden.
Morgen gehen wir weiter zum Hofsjökull.
Natürlich gibt es zahllose Wege über den Gletscher. Für den Auf- und Abstieg am besten
geeignet sind der Blautukvíslarjökull im Süden, der Pjórsájökull im Südosten, sowie die
Nordseite, die ziemlich flach zum Lavafeld Lambahraun abfällt; hier wird man kaum auf Gletscherspalten
treffen. Aus dem Gletscher ragen einige markante Gipfel, die (bei guter Sicht) die Orientierung
erleichtern: die beiden Arnarfell im Südosten, der Hásteinar-Felsen in der Mitte und der Tafelberg
Miklafell im Nordosten. Wir planen auf den Pjórsájökull zu steigen; von dort soll der Weg
nach Norden Richtung Miklafell führen, ehe wir nach Nordwesten ansteigen, wo der
Gletscher unterhalb des Gipfelplateaus nahezu eben ist,
um dann zum Lambahraun abzufahren.
An dessen Ende liegt die Ingólfsskáli, wie fast alle isländischen Hochlandhütten eine einfache
Selbstversorgerhütte.
Das ganze Gebiet zwischen den Púfuvötn und der Pjórsá im Norden ist von Flüssen
und Flüsschen durchzogen, die glücklicherweise fast alle zugefroren oder verschneit sind.
Nur einmal im Púfuver müssen wir nach Osten ausweichen, weil
der
Fluss offen
ist. Die Sonne scheint, es weht uns ein mäßiger Südostwind in den
Rücken. So könnte es bleiben. Die letzten neun Kilometer bis zum Rand des Pjórsájökull
führen durch das zugefrorene
Pjórsáver.
Sie sind an Eintönigeit kaum zu überbieten.
Es dauert immerhin zwei bis drei Stunden, diese Ebene zu durchqueren und dabei ändert
sich die Landschaft praktisch nicht. Erst auf den letzten Metern sind wir sicher, dem Gletscher
tatsächlich näherzukommen. Schwer vorstellbar auch, dass man derart gleichsam schlafwandelnd
die Pjórsá überschritten hat, den längsten Gletscherfluss Islands, der gestern
nur wenige Kilometer weiter flussabwärts derart reißend schäumte, dass wir ernstlich an unserem
Vorhaben zweifelten.
Direkt am Rand des Gletschers schlagen wir unser Zelt auf. Eine Gegend übrigens, in der sich
längere Zeit auch der legendäre isländische Gesetzlose Eyvindur aufgehalten hat. Hier stahl er,
was er hie und da an Schafen finden konnte; es wird ihm auch kaum etwas anderes übrig
geblieben sein, denn
außer Wasser ist hier nicht viel zu holen. Die Nacht wird klar und sehr kalt, aber
ganz gemütlich.
Das nächste Mal ist die Reihe an Gerd. Vielleicht in drei Stunden. Höchstens.
Mir ist jetzt zwar richtig warm, bis auf die Hände, aber richtig gut geht's mir nicht. Draußen tobt
ein Schneesturm und ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis wir wieder eingeschneit
sind.
Wir haben ein großes Tunnelzelt mit einem Hauptausgang vorn in der großen Apsis und einem
kleinen Hinterausgang. Dort schlafe ich. Nach dem Essen wollte ich gestern abend ein letztes
Mal das Zelt verlassen und konnte meinen Ausgang nicht mehr öffnen: Zugeschneit. Draußen bietet
sich folgendes Bild: Der Schneesturm schüttet nach und nach den Raum zwischen
unserer Windschutz-Schneemauer und dem Zelt zu. Noch kann man das ganz in Ordnung finden,
so hält sich vielleicht die Wärme im Zelt etwas besser. Aber viel mehr sollte es nicht werden.
Gegen Mitternacht werde ich wach. Es stürmt unvermindert. Als ich mich ein
wenig rühre, stoße ich mit Kopf und Füßen gegen riesige Schneehaufen, die
langsam aber sicher die Zeltwand eindrücken. Ich ziehe mich sofort wind- und wasserdicht an,
nehme Stirnlampe und Schaufel und gehe hinaus. Es stürmt fürchterlich. Der hintere Teil des Zeltes
ist nicht mehr zu sehen, vom Triebschnee zugeschüttet. Ich mache mich ans freischaufeln und
weiß gar nicht so recht wohin mit dem Schnee. Schließlich werfe ich ihn einfach möglichst hoch
in die Luft, dann trägt ihn der Wind weit genug fort. Es dauert etwa eine halbe Stunde, bis das
Zelt einigermaßen frei ist. Dort wo ich angefangen habe zu schaufeln, sammmeln sich schon
wieder neue Schneehaufen.
Ich
gehe trotzdem zurück ins Zelt. Als
Gerd
um fünf Uhr rausgeht um
uns freizuschaufeln, ist die Lage noch ernster. Erst gegen morgen lässt der Sturm nach und das
Zelt bleibt einigermaßen unbehelligt vom Schnee.
Dabei hatte der Weg herauf auf den Pjórsájökull so schön begonnen: Ein kalter,
starker Nordostwind zwar schon am Morgen, aber sonnig bei bester Sicht. Es folgen die
schönsten zweieinhalb Stunden auf dem Hofsjökull: Ein prachtvoller Blick über die
Sprengisandur, hinüber zum Tungnafellsjökull; dahinter erstreckt sich von Nord nach
Süd der riesige Vatnajökull, dekoriert von ein paar namenlosen, schönen Bergkegeln;
noch sehen wir unser Ziel, den Miklafell im Norden, auch wenn die Wolken, welche
über ihm hängen, bereits ahnen lassen, dass es nicht so bleiben wird.
Wenn ich nach vorn schaue und nichts erkennen kann, keine Struktur im Schnee, nicht
die Andeutung eines Hügels, einer Unebenheit, wenn ich nicht sehen kann, geht es
bergauf oder bergab, wenn ich einfach nur noch ins Weiße gehe---dann nenne ich das
"Sicht 0". Daran ändert auch nichts, dass hinter mir Gerds dunkelblaue Jacke
vielleicht noch fünf oder auch zehn Meter zu sehen sein mag, dass meine neongelben
Skispitzen ebenfalls gerade noch erkennbar sind. Es dauerte nicht lange und wir hatten
genau das: Sicht 0. Die Wolken über dem Miklafell waren jetzt über uns oder besser wir
in ihnen. Konnten wir anfangs noch einen Orientierungspunkt 50 Meter entfernt
fixieren---Sicht 50---, so dauerte es keine halbe Stunde und wir waren ganz auf GPS und
Kompass angewiesen. Und mit den Wolken kam der Schnee. Was blieb, war allein der
starke Nordostwind, der uns nun permanent den Schnee ins Gesicht blies. Schräg von vorn,
so dass die rechte Backe langsam vereist und sich der Schnee unter dem rechten Glas der
Gletscherbrille sammelt und festfriert. Die Orientierung wird zunehmend schwierig, weil
wir für's GPS zu langsam sind: Der Pfeil auf dem Display fängt an unsinnig zu
rotieren. Also Kompass. Ich kann die Richtung nicht gut halten; was
hilft ist ausgerechnet der Wind: Solange die rechte Backe einfriert stimmt die Richtung.
Mit der Zeit steigert sich der Wind zum Sturm und gegen halb fünf geben wir auf. Es dauert
noch eineinhalb Stunden bis wir unsere Schneemauer gegen den Sturm gebaut haben und
das Zelt endlich steht. Kurz nach sechs liegen wir auf unseren Isomatten, endlich raus aus dem
Wind.
Es ist erst der zweite Tag auf dem Gletscher, aber mir reicht es schon. Sicht 100 am Morgen
und ein vergleichsweise schwacher NO-Wind lässt uns gegen Mittag aufbrechen. Wir
wollen hier weg. Wir kommen auch recht gut voran und drehen bald nach Nordwesten
ab. Zeitweise kann man die Sonne über dem Nebel ahnen, aber das hat bald ein Ende.
Dann wiederholt sich das Spiel von gestern: Sicht 50, 30 10, 0 und schließlich auch
der Sturm und der Schnee. Immerhin kommt er jetzt schräg von hinten statt mitten ins
Gesicht, was eine gewisse Erleichterung ist. Wir werden wieder sehr langsam, was nicht
nur am Wetter liegt, sondern auch daran, dass es wohl steil bergauf geht. Sehen können
wir das allerdings nicht. Als es wieder eben wird beruhigt sich das Wetter etwas, der
Wind flaut ab, Sicht 100. Es ist halb fünf, Zeit für die nächste Schneemauer.
Später klart es richtig auf. Wir sind auf etwa 1400 m unterhalb des Gipfelplateaus. Die
Nacht wird sehr kalt, etwa -25°. Das ist nicht weiter schlimm, denn wir müssen nicht raus um
Schnee zu schaufeln.
Der Morgen beschert uns völlig unerwartet einen kurzen Blick auf den Gipfel des
Hofsjökull: Für zehn Minuten steigen die Wolken auf und geben die Sicht frei.
Leider ist die Kamera eingefroren.
Das
Wetter hat sich beruhigt und es wird etwa eineinhalb Stunden dauern, ehe die alte
Leier von vorn beginnt: Sicht 0, Schneefall, starker Wind. Diesmal aus Südwest, so dass
zur Abwechslung die linke Backe einfriert.
Nicht mehr als ein dunkler Schatten, ein
zunächst kaum wahrnehmbarer Umriss bringt die Erlösung: Gegen halb fünf am Nachmittag
lassen wir die Wolken hinter oder eigentlich über uns. Der erlösende schwarze Schatten
ist ein namenloser Berg, der aus dem Gletscher ragt, auf der Atlaskarte nur mit "1096"
gekennzeichnet. Wenig später wird die Sicht frei nach Norden auf den Lambahraun
und die Berge.
Vom Langjökull und Mýrdalsjökull konnten wir prächtig abfahren, mehrere Kilometer
einfach auf den Skien stehen und gleiten, während der Schlitten hinten mehr schiebt als bremst.
Hier auf dem Hofsjökull beschränkt sich die Abfahrt auf die letzten 800 Meter hinunter
zum Lambahraun, alles in allem wenig berauschend. Trotzdem sind wir froh und erleichtert,
den Gletscher endlich hinter uns gelassen zu haben. Nach vier Kilometern durch die Lava
erreichen wir die Ingólfsskáli.