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Ingólfsskáli, 29.2.08

Gleich vornweg: Wir hatten gutes Wetter. Denn andernfalls hätten wir den Hofsjökull nicht überquert.
Die vier großen Gletscher Islands heißen Vatnajökull, Langjökull, Hofsjökull und Mýrdalsjökull. Der Hofsjökull liegt genau in der Mitte Islands. Es ist wohl der einsamste der vier Gletscher. Einsam sind sie natürlich alle. In der Regel sind es drei bis fünf Tagesmärsche bis zum nächsten Außenposten der Zivilisation, sei es ein Hof, eine Tankstelle oder eine zwar unbewohnte, aber relativ häufig besuchte Hochlandhütte. Auch wir haben in den letzten fünf Tagen niemanden gesehen, auch nicht aus der Ferne. Dennoch gibt es Unterschiede: Auf dem Langjökull, so ein "running gag" der Isländer, ist die größte Gefahr, nächtens im Zelt von einem Jeep überfahren zu werden. Ich erinnere mich, an einem Samstag auf dem Langjökull aus sicherer Entfernung etwa 20 Jeeps in einer Reihe gezählt zu haben. Was uns nicht am Zelten hinderte. Interessanterweise stand am nächsten Morgen immer noch ein Jeep ganz allein auf dem Gletscher.
Der Hofsjökull dagegen wird kaum befahren, geschweige denn begangen. Er wurde mutmaßlich in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts erstmals zu Fuß überquert. (Dieter Graser machte mich darauf aufmerksam, dass wohl schon früher der Deutsche Hermann Stoll den Hofsjökull bestieg. ) Das Gipfelplateau liegt auf ewa 1750 m. Rund um dieses Plateau, vor allem bei den Hásteinar, gibt es viele Spalten. Vor zwei Jahren fuhren zwei Jeeps östlich dieser Felsen über den Gletscher, als der zweite Wagen plötzlich im Rückspiegel des ersten nicht mehr zu sehen war. Er steckte 35 m tief in einer Spalte. Wunderbarerweise überlebte wenigstens einer der beiden Insassen. Das Auto musste aufgeschnitten werden, um ihn zu bergen. Es steckt immer noch dort oben und wer Lust hat, kann sich auf die Suche danach machen.
Deshalb wählten wir eine Route über den Gletscher, auf der wir Spalten nicht so sehr fürchten mussten. Das war gut so, es war auch so spannend genug.


Hrauneyjar, 23.2.08, mittags

Draußen ein eisiger Nordwind, in mir Lammfleisch mit Gemüsesuppe, vor mir Kaffee und ein Schokoladenkuchen, dessen Oberseite einem Lavafeld gleicht. Óskar, unser Fahrer, macht sich draußen am Jeep zu schaffen, lässt vielleicht etwas Luft aus den Reifen, während wir hier drin im Warmen ein letztes Mal die Annehmlichkeiten einer zivilisierten Umgebung genießen. Es geht gleich weiter nach Versalir in der südlichen Sprengisandur. Die Sprengisandur ist schon im Sommer eine öde und sehr einsame Hochlandwüste; im Winter ist sie nicht nur öde sondern vor allem kalt. Zwischen Hofsjökull im Westen und Vatnajökull im Südosten gelegen, bläst dort fast immer ein starker Nordost- oder Südwestwind, wie durch einen Kamin. Es stürmte schon die ganze Fahrt von Reykjavík bis hierher, an den Rand des Hochlands. Am andern Tisch sitzen ein paar Snowscooterfahrer, nicht wissend, was sie bei diesem Wetter anfangen sollen. Wir fahren nach dem Kuchen trotzdem weiter. Noch sitzen wir im warmen Jeep, aber der Blick nach draußen gibt einen treffenden Vorgeschmack auf das, was uns die nächsten Tage erwartet: Wir sehen nichts.


Þúfuvatnaskáli, 23.2.08, abends

-6,3° draußen, -4,8° drinnen. Die Hütte am Púfuvatn ist komfortabel, aber nicht beheizbar. Wir sind trotzdem sehr froh hier zu sein. Die ersten zehn Kilometer waren nicht gerade eine Einladung weiterzugehen. Gegen zwei Uhr nachmittags haben wir uns von Hjámtýr und Óskar verabschiedet. Es war schon ein seltsames Gefühl, die beiden mit dem Jeep im Nebel verschwinden zu sehen, während wir allein auf der Piste im immer gleichen, eisigen Wind zurückblieben. Da war es tröstlich, eine Hütte mit vier festen, winddichten Wänden zum Ziel zu haben. Und noch tröstlicher, sie tatsächlich zu finden.
Morgen gehen wir weiter zum Hofsjökull. Natürlich gibt es zahllose Wege über den Gletscher. Für den Auf- und Abstieg am besten geeignet sind der Blautukvíslarjökull im Süden, der Pjórsájökull im Südosten, sowie die Nordseite, die ziemlich flach zum Lavafeld Lambahraun abfällt; hier wird man kaum auf Gletscherspalten treffen. Aus dem Gletscher ragen einige markante Gipfel, die (bei guter Sicht) die Orientierung erleichtern: die beiden Arnarfell im Südosten, der Hásteinar-Felsen in der Mitte und der Tafelberg Miklafell im Nordosten. Wir planen auf den Pjórsájökull zu steigen; von dort soll der Weg nach Norden Richtung Miklafell führen, ehe wir nach Nordwesten ansteigen, wo der Gletscher unterhalb des Gipfelplateaus nahezu eben ist, um dann zum Lambahraun abzufahren. An dessen Ende liegt die Ingólfsskáli, wie fast alle isländischen Hochlandhütten eine einfache Selbstversorgerhütte.


Arnarfell, 24.2.08

Das ganze Gebiet zwischen den Púfuvötn und der Pjórsá im Norden ist von Flüssen und Flüsschen durchzogen, die glücklicherweise fast alle zugefroren oder verschneit sind. Nur einmal im Púfuver müssen wir nach Osten ausweichen, weil der Fluss offen ist. Die Sonne scheint, es weht uns ein mäßiger Südostwind in den Rücken. So könnte es bleiben. Die letzten neun Kilometer bis zum Rand des Pjórsájökull führen durch das zugefrorene Pjórsáver. Sie sind an Eintönigeit kaum zu überbieten. Es dauert immerhin zwei bis drei Stunden, diese Ebene zu durchqueren und dabei ändert sich die Landschaft praktisch nicht. Erst auf den letzten Metern sind wir sicher, dem Gletscher tatsächlich näherzukommen. Schwer vorstellbar auch, dass man derart gleichsam schlafwandelnd die Pjórsá überschritten hat, den längsten Gletscherfluss Islands, der gestern nur wenige Kilometer weiter flussabwärts derart reißend schäumte, dass wir ernstlich an unserem Vorhaben zweifelten. Direkt am Rand des Gletschers schlagen wir unser Zelt auf. Eine Gegend übrigens, in der sich längere Zeit auch der legendäre isländische Gesetzlose Eyvindur aufgehalten hat. Hier stahl er, was er hie und da an Schafen finden konnte; es wird ihm auch kaum etwas anderes übrig geblieben sein, denn außer Wasser ist hier nicht viel zu holen. Die Nacht wird klar und sehr kalt, aber ganz gemütlich.


Þjórsájökull, 25.2.08

Das nächste Mal ist die Reihe an Gerd. Vielleicht in drei Stunden. Höchstens. Mir ist jetzt zwar richtig warm, bis auf die Hände, aber richtig gut geht's mir nicht. Draußen tobt ein Schneesturm und ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis wir wieder eingeschneit sind.
Wir haben ein großes Tunnelzelt mit einem Hauptausgang vorn in der großen Apsis und einem kleinen Hinterausgang. Dort schlafe ich. Nach dem Essen wollte ich gestern abend ein letztes Mal das Zelt verlassen und konnte meinen Ausgang nicht mehr öffnen: Zugeschneit. Draußen bietet sich folgendes Bild: Der Schneesturm schüttet nach und nach den Raum zwischen unserer Windschutz-Schneemauer und dem Zelt zu. Noch kann man das ganz in Ordnung finden, so hält sich vielleicht die Wärme im Zelt etwas besser. Aber viel mehr sollte es nicht werden. Gegen Mitternacht werde ich wach. Es stürmt unvermindert. Als ich mich ein wenig rühre, stoße ich mit Kopf und Füßen gegen riesige Schneehaufen, die langsam aber sicher die Zeltwand eindrücken. Ich ziehe mich sofort wind- und wasserdicht an, nehme Stirnlampe und Schaufel und gehe hinaus. Es stürmt fürchterlich. Der hintere Teil des Zeltes ist nicht mehr zu sehen, vom Triebschnee zugeschüttet. Ich mache mich ans freischaufeln und weiß gar nicht so recht wohin mit dem Schnee. Schließlich werfe ich ihn einfach möglichst hoch in die Luft, dann trägt ihn der Wind weit genug fort. Es dauert etwa eine halbe Stunde, bis das Zelt einigermaßen frei ist. Dort wo ich angefangen habe zu schaufeln, sammmeln sich schon wieder neue Schneehaufen. Ich gehe trotzdem zurück ins Zelt. Als Gerd um fünf Uhr rausgeht um uns freizuschaufeln, ist die Lage noch ernster. Erst gegen morgen lässt der Sturm nach und das Zelt bleibt einigermaßen unbehelligt vom Schnee.
Dabei hatte der Weg herauf auf den Pjórsájökull so schön begonnen: Ein kalter, starker Nordostwind zwar schon am Morgen, aber sonnig bei bester Sicht. Es folgen die schönsten zweieinhalb Stunden auf dem Hofsjökull: Ein prachtvoller Blick über die Sprengisandur, hinüber zum Tungnafellsjökull; dahinter erstreckt sich von Nord nach Süd der riesige Vatnajökull, dekoriert von ein paar namenlosen, schönen Bergkegeln; noch sehen wir unser Ziel, den Miklafell im Norden, auch wenn die Wolken, welche über ihm hängen, bereits ahnen lassen, dass es nicht so bleiben wird.
Wenn ich nach vorn schaue und nichts erkennen kann, keine Struktur im Schnee, nicht die Andeutung eines Hügels, einer Unebenheit, wenn ich nicht sehen kann, geht es bergauf oder bergab, wenn ich einfach nur noch ins Weiße gehe---dann nenne ich das "Sicht 0". Daran ändert auch nichts, dass hinter mir Gerds dunkelblaue Jacke vielleicht noch fünf oder auch zehn Meter zu sehen sein mag, dass meine neongelben Skispitzen ebenfalls gerade noch erkennbar sind. Es dauerte nicht lange und wir hatten genau das: Sicht 0. Die Wolken über dem Miklafell waren jetzt über uns oder besser wir in ihnen. Konnten wir anfangs noch einen Orientierungspunkt 50 Meter entfernt fixieren---Sicht 50---, so dauerte es keine halbe Stunde und wir waren ganz auf GPS und Kompass angewiesen. Und mit den Wolken kam der Schnee. Was blieb, war allein der starke Nordostwind, der uns nun permanent den Schnee ins Gesicht blies. Schräg von vorn, so dass die rechte Backe langsam vereist und sich der Schnee unter dem rechten Glas der Gletscherbrille sammelt und festfriert. Die Orientierung wird zunehmend schwierig, weil wir für's GPS zu langsam sind: Der Pfeil auf dem Display fängt an unsinnig zu rotieren. Also Kompass. Ich kann die Richtung nicht gut halten; was hilft ist ausgerechnet der Wind: Solange die rechte Backe einfriert stimmt die Richtung. Mit der Zeit steigert sich der Wind zum Sturm und gegen halb fünf geben wir auf. Es dauert noch eineinhalb Stunden bis wir unsere Schneemauer gegen den Sturm gebaut haben und das Zelt endlich steht. Kurz nach sechs liegen wir auf unseren Isomatten, endlich raus aus dem Wind.


Hofsjökull, 26.2.08

Es ist erst der zweite Tag auf dem Gletscher, aber mir reicht es schon. Sicht 100 am Morgen und ein vergleichsweise schwacher NO-Wind lässt uns gegen Mittag aufbrechen. Wir wollen hier weg. Wir kommen auch recht gut voran und drehen bald nach Nordwesten ab. Zeitweise kann man die Sonne über dem Nebel ahnen, aber das hat bald ein Ende. Dann wiederholt sich das Spiel von gestern: Sicht 50, 30 10, 0 und schließlich auch der Sturm und der Schnee. Immerhin kommt er jetzt schräg von hinten statt mitten ins Gesicht, was eine gewisse Erleichterung ist. Wir werden wieder sehr langsam, was nicht nur am Wetter liegt, sondern auch daran, dass es wohl steil bergauf geht. Sehen können wir das allerdings nicht. Als es wieder eben wird beruhigt sich das Wetter etwas, der Wind flaut ab, Sicht 100. Es ist halb fünf, Zeit für die nächste Schneemauer.
Später klart es richtig auf. Wir sind auf etwa 1400 m unterhalb des Gipfelplateaus. Die Nacht wird sehr kalt, etwa -25°. Das ist nicht weiter schlimm, denn wir müssen nicht raus um Schnee zu schaufeln.


Ingólfsskáli, 27.2.08

Der Morgen beschert uns völlig unerwartet einen kurzen Blick auf den Gipfel des Hofsjökull: Für zehn Minuten steigen die Wolken auf und geben die Sicht frei. Leider ist die Kamera eingefroren. Das Wetter hat sich beruhigt und es wird etwa eineinhalb Stunden dauern, ehe die alte Leier von vorn beginnt: Sicht 0, Schneefall, starker Wind. Diesmal aus Südwest, so dass zur Abwechslung die linke Backe einfriert.
Nicht mehr als ein dunkler Schatten, ein zunächst kaum wahrnehmbarer Umriss bringt die Erlösung: Gegen halb fünf am Nachmittag lassen wir die Wolken hinter oder eigentlich über uns. Der erlösende schwarze Schatten ist ein namenloser Berg, der aus dem Gletscher ragt, auf der Atlaskarte nur mit "1096" gekennzeichnet. Wenig später wird die Sicht frei nach Norden auf den Lambahraun und die Berge.
Vom Langjökull und Mýrdalsjökull konnten wir prächtig abfahren, mehrere Kilometer einfach auf den Skien stehen und gleiten, während der Schlitten hinten mehr schiebt als bremst. Hier auf dem Hofsjökull beschränkt sich die Abfahrt auf die letzten 800 Meter hinunter zum Lambahraun, alles in allem wenig berauschend. Trotzdem sind wir froh und erleichtert, den Gletscher endlich hinter uns gelassen zu haben. Nach vier Kilometern durch die Lava erreichen wir die Ingólfsskáli.