Der folgende Bericht beschreibt eine Streckenwanderung
auf der Halbinsel Hornstrandir im Nordwesten Islands.
Geplant war die Route von Hesteyri nach
Reykjafjörður; von dort sollte nach Auskunft von
West Tours
(Vesturferðir) das Boot von Óskar Kristinsson
regelmäßig nach Gjögur fahren.
Davon später mehr. Von Gjögur konnte man jedenfalls
im Sommer 2000 zwei Mal die Woche nach Reykjavík fliegen.
GPS-Koordinaten wurden vor Ort von mir
gespeichert.
1. Tag: In der S-Bahn auf dem Weg zum Münchner Flughafen
fällt mir ein Paar auf mit einem riesigen Northface Reisesack. "Die
fahren auch nach Island", sage ich zu Sabine, "aber viel Wandern können
sie nicht mit diesem Teil." Tatsächlich sehen wir sie beim einchecken
wieder und nach der Ankunft in Keflavík steht er beim Geld wechseln
schon wieder vor mir. Zu allem Überfluss spricht
er mit der Kassiererin auch noch isländisch, was mich irgendwie irritiert.
Danach verliere ich sie aus den Augen.
Als Sabine und ich
nach Reykjavík fahren wollen, müssen wir feststellen,
dass der Bus nicht fährt: Streik, und
das in Island! Also teilen wir uns mit anderen ein Taxi,
2500 Kronen pro Person, etwa 50 DM.
Es ist ungefähr Mitternacht Ortszeit als wir in Reykjavík
ankommen und wir gehen
gleich ins Bett.
2. Tag: Herrliches Wetter. Wir vervollständigen unsere
Ausrüstung, vor
allem Müesli und Nüsse, und machen uns am Nachmittag
auf zum Stadtflughafen Reykjavík:
Von hier geht um 4 das Flugzeug nach
Ísafjörður. Dort gelandet gehen wir
zielstrebig ins Sommerhotel, einer Schule, in
der man sich im Sommer zu vertretbaren Preisen einmieten kann. Für
die Harten gibt es vor dem Haus auch noch einen Campingplatz, aber
Sabine und ich sind der Ansicht, dass in den nächsten Wochen noch
genug gezeltet wird.
Immerhin werfen wir vor der Schule unseren Trangia an, um ein Süppchen
zu kochen. Als wir grade vor uns hin löffeln kommen sie wie
selbstverständlich um die Ecke, offenbar mit dem nächsten
Flieger gelandet: Die Beiden aus der S-Bahn.
Ihren Megasack kann ich nicht entdecken.
Stattdessen tragen sie Rucksäcke und Zelt, offenbar für eine
größere Tour gerüstet.
Wir grüßen uns endlich, nachdem
wir uns praktisch nicht mehr ignorieren können; sie heißen
Doris und Stefan.
Sie stellen ihr Zelt auf, ohne
Not, offenbar aus Überzeugung und fangen an
sich auszubreiten. Sie haben wirklich Großes
vor.
3. Tag: Es ist neblig und noch eine ganze Weile hin, bis das
Boot mittags nach Hesteyri fährt. Wir holen unsere
reservierten Tickets bei
Westtours am Hafen ab, deponieren dort unsere schweren
Rucksäcke und gehen ins Zentrum von Ísafjörður,
im Wesentlichen bestehend aus der "Gamla Bakarí"
wo es Gebäck und Kaffee gibt. Wir essen, trinken Kaffee, lesen,
der Nebel lichtet sich, die Sonne scheint. Irgendwann
gesellen sich Doris und Stefan zu uns auf den Platz, warten auch aufs Boot.
Sie wollen auch nach Hesteyri und wie wir weiter nach Reykjafjörður,
planen sogar - anders als wir -
bis Gjögur zu gehen. Als das Stefan später Kitty, der Frau vom Boot,
erzählt - natürlich auf isländisch - scheint
sie zwischen Fassungslosigkeit und Bewunderung hin und her gerissen.
Die Überfahrt nach Hesteyri dauert etwa 1 h, das Meer ist ruhig,
aber Doris steht
trotzdem immer ganz hinten nahe der Reling, stets bereit sich zu
übergeben. In Hesteyri werden wir mit einem Beiboot
an Land gesetzt.
Es gibt einige Sommerhäuser hier und die Isländer, die sich
dort einquartieren schaffen den nötigen Vorrat an Bier an Land -
rein rechnerisch gesehen ein Vermögen.
Sabine und ich schließen uns Doris und Stefan an,
gehen zur Wiese, die als Zeltplatz vorgesehen ist und wandern
heute nicht mehr weiter. Außer uns 4 ist niemand da.
Gleich hinterm Zeltplatz liegt der Friedhof, die jüngsten Gräber
datieren von Anfang der Sechziger, danach wurde die Siedlung
unerklärlicherweise aufgegeben.
Wir gehen durch ein Meer von
Blumen , deren Namen ich nicht kenne, spazieren und genießen
die Nachmittagssonne.
Später versuchen Stefan und ich zu erkennen,
wo der Weg hinauf zum Kjaransvíkurskarð verläuft:
Offenbar hat es im Frühjahr stark geschneit, denn schon wenig
oberhalb der Ortschaft liegt jede Menge Altschnee. Der normale Weg führt
zunächst steil bergan auf einen
Absatz, der auf halber Höhe dem Fjord folgt, ehe es über den Pass
geht. Stefan und ich sind uns einig, dass wir morgen nur auf Umwegen
den Absatz erreichen.
Der Tag vergeht in strahlendem Sonnenschein bei 1024 mbar Luftdruck -
stabiles Hoch.
4. Tag: Fast gleichzeitig stürzen Stefan und ich
gegen 7 aus den Zelten, schweissgebadet. Die Morgensonne knallt auf
die Zelte und heizt sie auf 30 Grad auf. Sabine und ich essen unser
übliches Milchpulver/Müesli-Gemisch mit reichlich Wasser, und
haben gerade begonnen zusammenzupacken als
Doris und Stefan schon aufbrechen. Ist auch gut so, man will sich ja nicht
in die Quere kommen, schließlich kommt man nicht nach Hornstrandir
der Gesellschaft wegen. Eine knappe 1/2 h später sind auch wir so weit.
Es braucht eine Zeit, bis ich mich an den Rucksack gewöhne, der
am Anfang mit knapp 30 kg natürlich am schwersten ist. Noch halb im "Ort"
kommt die erste Furt, nichts spektakuläres, aber die Schuhe muss
man doch ausziehen. Drüben sehen wir Doris und Stefan den Anstieg
etwa so angehen, wie wir uns das gestern ausgedacht haben. Dann verlieren
wir sie aus den Augen. Nach etwa einer Stunde erreichen wir das Plateau und
treffen an einem Steinmann
die Beiden wieder. Es wird klar, dass es
ziemlich albern ist, sich aus dem Weg zu gehen und auch nicht erforderlich.
Zwar verlieren wir uns zwischenzeitlich, aber kurz vor dem
Kjaransvíkurskarð treffen wir uns wieder. Der Pass ist
stark verschneit
und wir müssen uns unseren Weg wie schon unten selbst suchen.
Es ist wunderschön, auf gut 400 m haben wir das Gefühl, im
Hochgebirge zu gehen. Der Abstieg ist sehr steil, wir treffen ein
isländisches Paar, die ersten Menschen heute.
Sie kommen von Hrafnsfjörður und wollen nach Hesteyri, eine
gängige Route, da Kittys Boot auch
Hrafnsfjörður regelmäßig
anläuft. Etwa einen Kilometer vor der Notschutzhütte in
Hlöðuvík zelten wir am Strand. Wir genießen die
Nachmittagssonne, vor allem
Sabine, die sich's in der windgeschützten Apside gemütlich
macht. Sogar ein Polarfuchs huscht vorbei. Ich bade im nahegelegenen Bach, was
allerdings nur einige Sekunden auszuhalten ist, ohne bleibende
Schäden davonzutragen. Die Sonne senkt sich langsam, sehr langsam zum
Horizont. Da der Strand von uns aus gesehen im Norden liegt,
sollte sie irgendwann im Meer versinken. Aber wann?
Erstmals auf dieser Tour können wir unseren Frauen den
Nutzen eines GPS demonstrieren: Es verrät uns den Sonnenuntergang
um 20 nach Eins. 20 min später wird sie wieder aufgehen. Wir stellen
die Wecker und stehen tatsächlich kurz nach Eins auf, um uns
gemeinsam den
Sonnenuntergang
anzusehen.
5. Tag: Schon kurz nach der Notschutzhütte geht es seht steil
durch einen Talkessel bergan. Der Weg mündet auf eine Art Hochebene, die
sich bis zum Atlaskarð hinüber zieht. Wir warten auf Doris und
Stefan, wobei ich wie immer meine Erdnüsse knabbere. Das begründet
den Mythos der "Powernüsse". Als sich alle wieder erholt haben, gehen
wir weiter zum Pass, wo man aus irgendwelchen Gründen, die ich
vergessen habe, Steine auf einen
Steinhaufen schmeißen muss, was
wir auch brav tun. Beim Abstieg nach Rekavík tun wir uns schwer
ein trockenes Plätzchen für die Mittagspause zu finden. Man hat
einen herrlichen Blick auf den gegenüberliegenden Hornbjarg. Erste
Nebel ziehen auf und als wir an der
Notschutzhütte vorbei den Zeltplatz in Hornvík erreichen
ist es schon sehr neblig. Wir haben den ganzen Tag niemanden getroffen und
sind jetzt richtig entsetzt, dass außer uns noch andere hier zelten.
Es sind Isländer, die mit dem Boot in die Bucht kommen und ein paar
Tage bleiben, keine Wanderer.
6. Tag: Das Wetter ist schlechter geworden, es ist
kalt, windig, die Berge in den Wolken, obwohl das Barometer immer noch
um die 1020 mbar anzeigt. Nach etwa 40 min ist der Mündungsbereich
des Zusammenflusses einiger Bäche aus dem Hinterland
zu furten. Er ist recht tief: Stefan versucht
es und ist schon nach wenigen Metern bis zu den Oberschenkeln im Wasser.
Es hilft nichts, wir müssen weiter flussaufwärts, was ein
Umweg ist, da wir nicht direkt über den Kýrskarð
zum Leuchtturm von Hornbjargsvíti wollen, sondern bis zum Horn
von Hornbjarg
über den Miðfell und den Almenningaskarð zum Leuchtturm.
Etwa 1 km weiter flussaufwärts finden wir einen breiten Übergang, der
erstmals dazu zwingt, die Hosen auszuziehen, was die Bezeichnung
Unterhosenfurt
rechtfertigt. Danach geht es die Küste entlang nach
Norden, ehe der Weg kurz vor der Spitze der Halbinsel steil ansteigt.
Oben ist es sehr neblig, kalt und windig. Wir haben Hunger, aber es ist
fast unmöglich ein windgeschütztes Plätzchen zu finden: Es
gibt nur kleine Senken und Gestrüpp, das kaum Schutz bietet.
Wir verbarrikadieren uns schließlich in einem dieser Löcher
hinter unseren Rucksäcken. Die Landschaft um
uns herum liegt im Nebel,
die Stimmung sinkt mit der Temperatur. Erstmals wird klar, wie
ungemütlich es hier sein kann, nachdem wir die letzten Tage
unglaubliches Glück hatten. Aber noch während wir zusehends
stiller werden,
reisst hier und da der Nebel etwas auf,
der Anstieg zum
Miðfell lässt sich erahnen und vereinzelt scheint sogar
die Sonne auf die Wiesenblumen und lässt sie leuchten.
Schlagartig bessert sich unsere Stimmung, wir wollen weiter, sind wieder
begeistert und unternehmungslustig.
Der Anstieg zum Miðfell ist sehr steil und ausgesetzt und angesichts
des feuchten Bodens nicht ungefährlich. Von oben bietet sich der
klassische Blick auf den Hornbjarg,
tausendmal fotografiert, natürlich auch von uns. Es ist jetzt richtig
schön, kalt zwar und vereinzelte Nebelschwaden ziehen umher,
aber sonnig bei klarer Sicht.
Der Weg führt nun
direkt an den Klippen des Hornbjarg entlang: wir pausieren wieder
und beobachten die Unmengen Vögel in den Felsen. Es ist herrlich.
Auf dem weiteren Weg zum Almenningaskarð werden wir einige Zeit von einem
Polarfuchs begleitet, der regelrecht mit uns zu spielen scheint: Mal versteckt
er sich hinter einem Stein, nur der Kopf schaut hervor, dann läuft er
in sicherer Entfernung neben uns her oder ein wenig voraus. Es ist schon
ziemlich spät, als wir den Pass erreichen, wo es wieder sehr kalt und
windig ist. Bis Hornbjargsvíti geht es noch etwa 1 h
gleichmäßig bergab. Wir sind todmüde als wir etwa um 7
unsere Zelte aufstellen. Außer uns ist noch ein Paar aus Belgien da.
Mit über 16 km und anspruchsvollem Profil
war dies unsere bisher längste und schwerste,
aber auch eindrucksvollste Etappe.
7. Tag: Meine Uhr, die ich als Wetterstation an die
Wäscheleine unterm Zeltdach hänge (was übrigens nur
im Sommer funktioniert, im Winter macht sofort die Batterie schlapp),
zeigt 1016 mbar. Nicht mehr so gut wie in Hesteyri, könnte aber
schlechter sein (die niedrigsten Werte, die wir später bei
miserablem Wetter ebenfalls auf Meereshöhe hatten, lagen bei
1005 mbar). Dementsprechend mittelprächtig ist das Wetter. Die Etappe
führt heute nach Barðsvík, parallel zur Küste.
Das bedeutet nicht, dass sie flach verlaufen würde:
Immer wieder geht es von einem Tal
mäßig steil
bergan und dann wieder ebenso gemäßigt
bergab ins nächste Tal, das
etwa so aussieht wie das letzte, nämlich grün.
Nach der spektakulären Etappe gestern
kommt uns das sehr eintönig vor. Wir schauen immer wieder aufs GPS,
um zu erfahren wie weit es noch ist bis Barðsvík,
aber die Kilometerangaben, obwohl zuverlässig,
sagen wenig darüber, wie lange es noch dauern wird.
Endlich erreichen wir das weite Tal von
Barðsvík und zelten oberhalb
des Talgrunds mit Blick auf ein paar verstreut liegende Zelte anderer
Wanderer und den ersten Anstieg des morgigen Tages hinauf zum
Göngumannaskarð. Endlich wieder ein richtiger Pass.
8. Tag: Doris und Stefan starten eine knappe Stunde vor uns,
weil sie glauben
uns am Anstieg zum Göngumannaskarð zu sehr zu bremsen und
überhaupt sowieso immer vor uns fertig sind mit Packen.
Tatsächlich ist der
Anstieg sehr steil aber nach dem gestrigen Mittelmaß ein
vielversprechender Auftakt. Es nieselt und ist kalt, oben auch sehr windig.
Wir erreichen den Pass praktisch gleichzeitig mit Doris und Stefan, wechseln
schnell Kleider, um nicht völlig auszukühlen, und essen ein paar
Nüsse.
Es ist Donnerstag und
wir werden voraussichtlich morgen in Reykjafjörður ankommen.
Sabine und ich hatten uns im Vorfeld erkundigt, wie
wir von Reykjafjörður weiter nach Gjögur oder
Djúpavík kommen würden. Wie schon erwähnt
gab uns Westtours die Auskunft, auf dieser Strecke verkehre
regelmäßig montags und donnerstags das Boot von
Óskar Kristinsson.
Wir werden also drei Tage zu früh in Reykjafjörður
sein und spielen nun mit dem Gedanken, einen
Umweg über Hrafnsfjörður zu gehen. Allein der Blick
von hier oben hinüber zum schneebedeckten und
nebelverhangenen Pass nach Hrafnsfjörður ist
derart abschreckend,
dass wir den Gedanken da hinüberzugehen gleich wieder verwerfen.
Stattdessen gehen wir hinab nach Bolungavík, einer Bucht, deren
fast weißer
Sandstrand
einen wunderschönen Kontrast zum
grünblauen Meer und dem
wolkenverhangenen Himmel abgibt. Gegen 11 erreichen
wir die Hütte in Bolungavík, die erste Stelle seit unserem
Aufbruch in Hesteyri, wo wenigstens in den Sommermonaten permanent jemand
lebt. 5 bis 10 Wanderer lungern schon untätig vor der Hütte und
warten auf Ebbe, da der Weg über Drangsnes nach Furufjörður
bei Flut überspült ist.
Wir gehen rein, um uns zu erkundigen, wann wir weitergehen
können. Die Bewohnerin bietet uns sofort
Kaffee an und sagt uns,
dass es um 2 Uhr so weit sein wird. Sie und ihr Mann, der
weiter unten an einer Unterkunft für die wachsende Anzahl
von Touristen - v.a. Isländer - baut, sind hier geboren, was
kaum vorstellbar ist. Wir
verbringen die nächsten drei Stunden im Windschatten des Häuschens
essend, schlafend, lesend oder einfach so;
sogar die Sonne lässt sich zuweilen blicken.
Gegen 2 brechen wir auf; der Weg führt über grobes Gestein
direkt am Wasser lang. Nach etwa zwei Stunden erreichen wir die
Notschutzhütte in Furufjörður, wo bereits einige Zelte stehen.
Wir bleiben auch da.
9. Tag:
Furufjörður soll einmal ein blühendes
Örtchen gewesen sein, ein Umschlagplatz für Treibholz. Die
Bauern der Umgebung sind also wahrscheinlich über mehrere Tage
hinweg angereist und wenn sie dabei nicht erfroren oder ertrunken sind,
haben sie sich einen neuen Dachstuhl besorgt. Heute ist niemand mehr
in Furufjörður. Es gibt noch eine romantische, kleine, alte
Kirche ,
welche die morbide Stimmung einer Geisterstadt unterstreicht.
Ein neues Haus, das eher in die Schweizer Alpen passen
würde als in dieses ausgestorbene Tal, steht gerade leer.
Die Berge sind fast bis unten nebelverhangen. Wir verlassen
Furufjörður über den Fluss und folgen einem Reitweg
Richtung Svartaskarð. Es wird so neblig, dass es schwer ist, sich zu
orientieren, da der Pfad sich verliert und der Pass nicht zu
sehen ist. Wir kontrollieren
regelmäßig die Richtung mit dem GPS. Ich kann dieses
Gerät nur wärmstens empfehlen, es wird
später auf dem Weg nach Djúpavík noch einmal
sehr, sehr nützlich sein. Endlich sehen wir den Pass, der
Nebel lichtet sich auch etwas, die letzten Meter gehen ziemlich steil
über Schneefelder bergauf. Oben haben wir zum ersten Mal den
Blick frei auf den
Drangajökull. Der Abstieg
führt in ein grünes, sumpfiges Tal. Wir finden trotzdem einen
gemütlichen Platz für die Mittagspause und genießen die
Sonne, die mittlerweile den Nebel weitgehend verdrängt hat.
Im Talgrund ist ein kleiner Fluss zu furten, ehe es auf die Hochebene
hinaufgeht, auf deren anderer Seite Reykjafjörður liegt. Der Weg
über die Hochebene ist sehr schön, zieht sich aber bis
Reykjafjörður schier endlos.
Reykjafjörður ist ein Örtchen, dessen zwei oder drei
Wohnhäuser im Sommer tatsächlich bewoht sind, wo es einen
Hafen, einen Laden, bestehend im wesentlichen aus einem Pappkarton
und einem geheimen Vorrat an Starkbier, und vor allem ein
Schwimmbad gibt. Vom Laden sollte man sich nicht zu viel
erwarten, es gibt v.a. Süßigkeiten, insbesondere geniale
schwarze Kochschokolade. Stefan schafft es dank seiner Sprachkenntnisse,
uns einige Dosen Bier zu organisieren: Eine ältere Frau führt
uns augenzwinkernd zu einem abseits stehenden Schuppen und zieht 4 Dosen
hervor, auf die sie sehr stolz zu sein scheint, weil es nicht
das übliche Egils "Pilsener" (was in Island immer leichtes 2-prozentiges,
also bezahlbares Bier bedeutet) ist, sondern sogar besonders stark (über
6% und kaum bezahlbar). Nach einem ersten Bad im Pool feiern wir
damit unsere gemeinsame Reise,
die für Sabine und
mich eigentlich hier enden sollte.
10. Tag: Ruhetag, auch für Doris und Stefan, die ja noch weiter
nach Gjögur wollen. In den letzten Tagen beobachtete Stefan schon immer
besorgt seinen Benzinverbrauch. Er hatte 1 Liter für seinen
Whisperlight mitgenommen und der neigte sich langsam dem Ende zu. Ich hatte
2 Liter Spiritus für unseren Trangia dabei,
die auf jeden Fall genügen
würden. Wir versuchen deshalb ab jetzt möglichst viel über
den Trangia abzufackeln.
Es ist neblig, aber eigentlich ein schöner Tag. Später
wird sich die Sonne überall durchsetzen, zur Zeit hängt
der Nebel noch in der Nähe des Hafens, wo auch der Zeltplatz
liegt. Nach dem Frühstück machen wir uns wieder auf zum Schwimmbad,
eine Betonschüssel, die ein Bauer in den dreißiger Jahren
gebaut hat, aus welchen Gründen auch immer. Wahrscheinlich schreit
das schiere Vorhandensein heisser Quellen nach einem Pool, oder es ist
der Ehrgeiz endlich das nördlichste Freibad zu bauen. Jedenfalls
ist es herrlich sich dort einfach nur auf Matten oder Gummischläuchen
treiben zu lassen. Wir haben Glück, sind alleine im Becken, ehe eine
Gruppe Isländer kommt, die offenbar mit einem Boot angekommen sind.
Es ist wunderschön und Sabine und ich haben überhaupt keine
Lust, die Wanderung hier abzubrechen. Wir erfahren im Laden, dass
Óskar in Drangar, ein Tagesmarsch von hier, wohnt, was den
Gedanken nahelegt bis dorthin mit Doris und Stefan weiterzugehen.
Das schont auch deren Benzinvorrat. Dieselbe
Frau, die uns schon das Bier besorgt hat, ruft für uns
in Drangar an, um
abzuklären, ob es möglich ist, dass wir dort ins Boot steigen.
Óskar erreicht sie nicht, aber dessen Schwester versichert
angeblich, dass
das kein Problem sei. Wir werden also weitergehen.
11. Tag: Es ist Sonntag, also reicht es, wenn wir morgen in
Drangar ankommen. Wir werden einfach so weit gehen, wie wir Lust haben.
Ab Reykjafjörður verlässt man die gängigen
Hornstrandir-Routen, es gibt deshalb auch keine "natürlichen"
Etappenziele mehr. Menschen wird man jetzt mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit nicht mehr treffen, wenn man einmal vom Hof in
Drangar absieht. Wie immer geht es erst mal hoch, diesmal auf eine
steinige, karge Hochebene, die Fossdalsheiði,
ganz anders als die saftig grünen Wiesen
weiter im Norden. Eine hochalpine Gletscherlandschaft,
immer wieder haben wir wunderschöne Ausblicke
auf den Drangajökull. Es ist sonnig, aber ziemlich windig und
kalt. Oben
verschanzen wir uns hinter Felsbrocken, genießen die Sonne
und Nüsse, ehe
es weiter geht über die Hochebene Richtung
Bjarnarfjörður.
Der Abstieg hinab in den Fjord ist sehr steil und oft nicht leicht zu finden.
Von oben sieht man schon, dass unten der Gletscherfluss gefurtet werden
muss. Das kann je nach Wasserstand schwierig werden. Der Weg
flussaufwärts bringt nicht viel, da dort
Wasserfälle den Übergang unmöglich
machen; man muss sich also irgendwie durchs Delta mogeln. Da es in den letzten
Wochen wenig geregnet hat, haben wir keine Probleme. Trotzdem gilt, dass es
auch bei günstigen Bedingungen eine Unterhosenfurt ist. Auf der
anderen Seite geht es den Fjord entlang. Wir sehen zum ersten Mal auf dieser
Reise
Robben, sogar ziemlich viele. Leider ist auf den
meisten Fotos nichts davon zu erkennen. Wir gehen noch bis zum
Meyjardalur, dem wir folgen müssten, wenn wir planten, den
Drangajökull zu umrunden. Stattdessen campen wir hier, in der
Ferne können wir schon den Hof Drangar erkennen.
Inzwischen zeichnet sich ab, dass all unsere Bemühungen, Benzin zu
sparen, vergeblich sein werden und Stefan und Doris machen sich mit dem
Gedanken vertraut, ebenfalls mit dem Boot nach Gjögur zu fahren.
Stefan spricht zwar resigniert von einem Planungsfehler und gibt sich
locker ins Schicksal ergeben, aber man merkt wie es ihn wurmt. Bei Doris
merkt man das nicht so deutlich.
12. Tag: Am Morgen lassen wir uns Zeit, da Óskar ja erst
abends fährt. Es dauert nicht einmal eine Stunde, bis wir gegen Mittag
am Hof
eintreffen. Von weitem sieht das Wohnhaus ganz ansehnlich aus, als wir
näherkommen stellen wir fest, dass der erste Eindruck trügt.
Menschen sind nicht zu sehen, statt dessen kommen uns äußerst
agressiv wirkende Hunde entgegen. Kurz danach taucht ein Mann im Eingang
auf, beruhigt die Hunde und schaut uns fragend an. Stefan erklärt
ihm die Situation: Wir sind die Gruppe, die heute mit Óskar
nach Gjögur fährt. Er ruft ins Haus und heraus tritt
offenbar Óskar, der uns trocken mitteilt: "No boat". Wir schauen
ihn verständnislos an - wie, "no boat"? -, worauf er hinzufügt:
"Come in
and have a cup of coffee", sich umdreht und im Haus verschwindet. Wir
folgen ihm.
Drinnen gehen wir durch einen dunklen, kalten, feuchten Flur
über rohen Steinboden oder festgetretenen Lehm
in die gemütlich warme Wohnküche, wo
ein Teil der Familie versammelt ist: Die älteste Generation ist etwa
80 und bewirtschaftete den Hof bis in die 60er Jahre;
seitdem kommt man nur noch
in den Sommermonaten, um Eiderdaunen zu sammeln und bei Bedarf ein paar
Touristen mit dem Boot zu transportieren. Die nächste Generation sind
Óskar, sein Bruder, der uns empfangen hat, und seine Schwester.
Schließlich gehen noch deren Kinder ein und aus. Auf dem Herd steht
immer ein Topf heissen Wassers, auf dem Tisch eine volle Thermosflasche
Kaffee und eine Schüssel mit Hefegebäck (Kleinur). Wir werden sehr
freundlich bewirtet, erfahren eine Menge über die Kunst des
Eiderdaunensammelns - wobei den Enten übrigens nichts geschieht,
im Gegenteil, man baut ihnen sogar die Nester, eine Art
kostenloser Service -, wissen aber leider immer
noch nicht, wie wir nach Gjögur kommen. Das Thema ist jetzt erst mal
vom Tisch. Schließlich bringen wir unser Anliegen doch wieder zur
Sprache und zeigen Óskar den Prospekt, in dem sein Bootservice
beschrieben ist. Das sieht er zum ersten Mal und ist so zornig auf die
in Ísafjörður, dass er erst mal telefonieren geht. In der
Zwischenzeit erfahren wir, dass die Brüder morgen nach
Ingólfsfjörður fahren, wenn wir wollen können wir mit.
Sie zeigen uns einen Platz, wo wir zelten können und ihren
privaten
Pool, wo wir nach der Aufregung "relaxen" dürfen. Doris
sieht offenbar besonders mitgenommen aus und bekommt von der Oma sogar
ein paar warme Wollsocken geschenkt.
13. Tag: Gegen 10 warten wir an der Anlegestelle, dass es
losgeht. Ein paar tote Robben liegen rum. Die Brüder und eins der Kinder
kommen und wir werden samt Gepäck einer nach dem andern in einem
Schlauchboot aufs Schiff gebracht. Es ist bewölkt, kühl und sieht
so aus, als könne es jederzeit zu regnen anfangen. Auf der Fahrt
nach Ingólfsfjörður haben Doris und Stefan nochmal
Gelegenheit, den Weg anzuschauen, den
sie gegangen wären, wenn das Benzin gereicht hätte:
Es ist ein recht eintöniger Küstenabschnitt und insofern ist
die Niederlage zu verschmerzen. Die Beiden werden nachher weiter nach
Krossnes gehen, auch so ein Schwimmbad am Ende der Welt. Sabine und ich werden
versuchen über die Berge nach Djúpavík zu gehen, wo es
zwar weglos ist, was die Isländer - wie uns Óskars Bruder
versichert - "in the old times" aber auch schafften.
Nach der Ankunft in Ingólfsfjörður werden wir noch
mit dem Jeep bis ans Fjordende gefahren, wo wir uns trennen: Doris und Stefan
werden wir ein paar Tage später auf dem Flug von Gjögur nach
Reykjavík wieder treffen.
Sabine und ich machen uns auf den Weg hinüber nach Djúpavík.
Inzwischen regnet es.
Oben kommen wir auf eine Art Hochebene, die nicht wirklich eben ist:
Vielmehr sind es kleine, wenig markante Hügel, die die Orientierung
sehr erschweren, da sie keinen Bezugspunkt zur Karte abgeben.
Das GPS ist jetzt ungemein nützlich,
ich orientiere mich nur noch nach den
Koordinaten, die ich am Vorabend anhand der 1:100000 Atlaskarte zu ermitteln
versucht habe. Das funktioniert sehr gut, der angepeilte Punkt liegt nur
etwa 100 m daneben, was bei den insgesamt
akzeptablen Sichtverhältnissen
aber nicht tragisch ist.
Es ist sehr nass, kalt und windig am Pass, so dass wir uns auf das
gemütliche
Hotel
in Djúpavík freuen. Wir erreichen es
nach ein paar Stunden und werden hier die Tage bis zum Rückflug nach
Reykjavík mit Kuchen essen, Lesen und ersten Versuchen in
"Seakajaking" verbringen. Der passende Abschluss einer wundervollen Tour.