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1. Tag: Sonntag, 6.3. Am Freitag sind wir in in Keflavík gelandet und ins Guesthouse Centrum gefahren. Anna in der Tryggvagata hat zugemacht, ein Jammer. Wir sind spät angekommen, weil der Flug MUC-CPH ausgefallen ist, so dass wir über Frankfurt ausweichen mussten. Ich hasse Frankfurt. Samstags gab es nicht mehr viel zu erledigen, weil Hjámtyr schon fast alles erledigt hat. Er hat vor allem die Schlüssel für die diversen Hütten auf dem Weg besorgt: Bei Útivist, FI und den Betreibern der Landmannahellir-Hütten. Den Weg zu Síminn schenken wir uns diesmal, weil wir ein Iridium-Telefon aus Deutschland mitgebracht haben und damit nicht auf NMT angewiesen sind.
Heute morgen um 9 hat uns Haukur, ebenfalls Icetravel, abgeholt. Hjámtyr ist mit dem 4x4-Club irgendwo auf dem Hofsjökull unterwegs. Wusste gar nicht, dass der auch befahren wird. Haukur fährt uns nach Skógar und weiter hinauf Richtung Fimmvörðuháls bis zur Schneegrenze. Unten sind 7 Grad Plus, kein Schnee, nicht mal Reste. Daran ändert sich auf dem Weg nach oben zunächst wenig. 100 m, 200 m - kein Schnee. Langsam mache ich mir Sorgen. Ab etwa 500 m gibt es größere Schneeflecken, aber nicht genug, um darauf die Pulkas nach oben zu ziehen. Immerhin: In der Jeepspur ist die Altschneedecke schon fast geschlossen. Haukur kommt problemlos voran bis auf eine heikle Stelle: Der Jeep kommt in eine bedenkliche Schräglage, fällt aber nicht um. Nach ca. 30 Min erreichen wir die Brücke über die Skógá auf etwa 600 m. Es ist halb Eins. Hier kann es losgehen.
Bis zum Fimmvörðuháls sind es noch etwa 450 Höhenmeter. Wir freuen uns, endlich selbst gehen zu können, verabschieden uns von Haukur und kommen gut voran. Die Schlitten gleiten gut auf dem Altschnee, es ist steil, aber nicht zu steil. Gegen halb drei erreichen wir die Baldwinsskáli. Von ein paar Nebelfetzen abgesehen ist es immer noch sonnig. Vom Fimmvörðuháls weht ein starker, kalter Wind herab, so dass wir froh sind, im Windschatten der Hütte kurz rasten zu können. Reingehen lieber nicht, denn drinnen ist es so versifft wie eh und je.
Das Schlussstück bis zum Pass ist ziemlich steil. Auf dem verharschten Schnee zieht mich der Schlitten immer wieder zurück. Aber noch können wir ohne Harscheisen oder gar Steigeisen gehen. Hier oben sehen wir zum ersten und vorläufig einzigen mal Jeeps. Es ist Sonntag und sie bringen ein paar Touristen auf den Mýrdals- und Eyjafjallajökull. Erst am Hrafntinnusker werden wir wieder Jeeps oder Motorschlitten sehen. Bis dahin niemanden, auch nicht von weitem. Auf den letzten Metern zur Útivist-Hütte auf dem Fimmvörðuháls lege ich schließlich Harscheisen an. Gerd schafft es ohne, aber er hat dem Gewicht des Schlittens - obwohl seiner schwerer ist - auch mehr entgegenzusetzen. Gegen halb fünf erreichen wir die Hütte.
Wir müssen uns den Eingang mit dem Eispickel freihacken. Zum ersten Mal die spannende Frage: Passt der Schlüssel? Passt! Bis Landmannahellir wird dies immer wieder ein banger Moment sein: Wir kommen müde und verschwitzt an einer Hütte an und freuen uns auf deren Annehmlichkeiten - sofern wir denn rein kommen. Heizen können wir nicht, aber es gibt Gas zum Kochen, was wir auch gleich tun. Wärmer als 5 Grad wird es drinnen nicht. Draußen ist es wieder so windig wie bei meinem ersten Besuch dieser Hütte, als ich im Sommer 1998 mit meiner Frau Sabine die klassische Route von Skógar nach Landmannalaugar gegangen bin. Damals konnte sich Sabine weit in den Wind lehnen ohne umzufallen. Die Hütte wurde in den vierziger Jahren an der windigsten Stelle weit und breit erbaut. Das ist kein Zufall, denn der Erbauer ärgerte sich fürchterlich, als es ihm genau an dieser Stelle sein Zelt wegbließ. Als echter, trotziger Isländer beschloss er: Jetzt erst Recht und baute eine stabile Hütte, damit ihm das nicht nochmal passiere.


2. Tag: Kurz nach 9 brechen wir auf. Lockere Bewölkung umspielt die Berge, es ist wärmer und nicht mehr so windig. Zunächst geht es den steilen Schlussanstieg von gestern abend wieder runter, zurück auf den Weg von Skógar nach Þórsmörk. Gerd traut sich einfach draufloszufahren und rumpelt in einer aberwitzigen Geschwindigkeit den Hang hinab, wobei der Schlitten hinten bedenklich hüpft und schlingert, aber in der Spur bleibt. Das ist ein großer Vorteil der 170cm-Pulka: Sie ist länger und breiter und hat dadurch einen tieferen Schwerpunkt, fällt also nicht so leicht um. Mit meiner 140cm-Pulka ist daran nicht zu denken. Ich schnalle sie stattdessen ab und schicke sie vor: sie rast los, überschlägt sich mehrfach, landet aber immer wieder auf den Kufen und kommt schließlich unten zum Stillstand. Ich fahre mit den Schi unbeschwert und sicher hinterher. Später werden wir unsere Technik mit Pulka am Berg sehr verbessern, aber noch sind wir am ausprobieren. Das ist die erste Wintertour mit Pulka, die über derart steiles Gelände führt. Und es wird noch wesentlich steiler werden.
Wir verlassen den Weg nach Þórsmörk bald Richtung Osten. Es erweist sich als ziemlich schwierig, den Einstieg zum Mýrdalsjökull zu finden. Die Berge, die im Weg stehen sind ziemlich steil und mit dem Schlitten kaum zu gehen. Schließlich finden wir einen gangbaren Weg, machen aber den Fehler, die Richtung zu schnell wieder korrigieren zu wollen. Die machbaren Wege sind nicht die direkten. Dabei geraten wir in einen Steilhang, aus dem wir fast nicht mehr rauskommen. Für die nächsten 100 Meter brauchen wir über eine Stunde. Im Nachhinein, mit den Erfahrungen dieser Tour, betrachte ich unser Vorgehen an diesem Abschnitt als groben Unfug.
Das Problem ist, dass man mit Pulka nicht rückwärtsgehen kann, jedenfalls nicht am Hang. Ein falscher Schritt und es bleibt nur der Weg nach vorn. Ich bin gerade ein paar Meter in besagtem Hang, als mir klar wird, dass es schwer werden wird, ihn zu queren: Der Schlitten droht ständig zu kippen und das wäre ein echtes Problem, weil mein Schlitten und ich dann praktisch nicht mehr manövrierbar sind. Die 40 kg drohen, mich in den Abgrund zu ziehen - oder was immer da unten ist, denn der Nebel gibt den Blick nicht frei. An Zurückgehen ist, wie gesagt, nicht zu denken, weil die Pulka dann sicher kippt. Längs des Gradienten nach oben gehen ist auch nicht möglich, weil die Harscheisen das nicht halten. Etwa zwanzig Meter weiter unten sehe ich Gerd mit denselben Problemen kämpfen.
Ich taste mich weiter durch den Hang und riskiere sogar eine Kehre, um ein paar Steine zu erreichen, die dem Schlitten halt geben können. Das gibt mir Gelegenheit Steigeisen anzulegen. Leider steht der Schlitten steht nun in der falschen Richtung. Unterdessen hat sich Gerd unten ebenfalls von seinen Schi getrennt, aber ohne dass es ihm gelingt Steigeisen anzulegen. Stattdessen zieht er überaus vorsichtig und langsam seinen Schlitten samt Schi zu Fuß weiter bis er ebenfalls Steine erreicht. Derweil versuche ich den Schlitten in die richtige Richtung zu bringen, was sehr schwierig ist. Er fällt ständig um und wird unmanövrierbar. Schließlich kommt mir Gerd ohne Gepäck zu Hilfe und zusammen stellen wir meine Pulka wieder richtig. Aber sobald ich versuche, einen Schritt zu gehen, kippt sie um - es ist einfach zu steil. Gerd hät sie fest und gemeinsam erreichen wir einen Sattel. Dort ist es flacher. Unterwegs kommen wir an Gerds Pulka vorbei und nehmen sie mit. Endlich in Sicherheit setzen uns völlig entnervt auf unsere Schlitten und essen erst mal Schokolade.
Ab sofort ist die Querung von Steilhängen tabu. Das GPS zeigt uns nun zwar die Richtung an, aber der besagte Horror vor steilen Hängen zwingt uns noch ein- oder zweimal zu Abweichungen vom direkten Weg. Da der Nebel im Laufe des Vormittags zugenommen hat, sind wir nie sicher, wo uns ein Umweg hinführt. Es klappt aber, die Hügel hören auf und ohne es zu merken haben wir schließlich den Einstieg auf den Mýrdalsjökull gefunden. Der Gletscher ist überraschend flach. Wie gehen sehr, sehr langsam bergauf bis wir gegen 2 Uhr etwa 1200 m erreicht haben. Mittagspause. Das Wetter ist immer noch gleich: Windstill, lockere Nebelfelder, ab und zu Sonne. Nach dem Essen wird es bald steiler und anstrengender. Auf wenigen Kilometern schaffen wir 300 Höhenmeter. Auf 1500 m ist der höchste Punkt für uns erreicht. Wesentlich höher geht es auf dem Mýrdalsjökull nicht. Nur selten reißen die Nebelschwaden unten auf und geben den Blick frei auf die Südküste.
Gegen Abend wird der Wind stärker und kommt aus Westen. Am Himmel drohen Ufo-Wolken. Keine guten Zeichen. Wir gehen noch ein paar Kilometer leicht bergab und um 5 ist Schluss. Wir schlagen das Zelt auf, bauen die Windschutzmauer, essen, schlafen.


3. Tag: Wir haben das Überzelt aufgebaut, sitzen auf unseren Schlitten und warten, dass der Regen nachlässt. Wir sind noch etwa 950 m hoch und 6 km vom Mælifellsandur entfernt. Es ist abartig warm und regnet in Strömen. Dazu ein kräftiger Südwest-Wind. Das muss man sich vorstellen: Regen auf einem Gletscher in Island auf fast 1000 m im März. In München hat es -15 Grad.
Am Morgen wachten wir im Schneesturm auf. Die Pulkas waren zugeschneit, Schneewehen in den Apsiden, Schnee in meinen Schistiefeln. Gegen 10 sind wir trotzdem losgegangen, um vom Gletscher runter und aus dem Ärgsten raus zu kommen. Draußen Null Sicht: Etwa bis zu den Schispitzen. Gletscherweiß vermischt sich mit Nebelweiß. Keine Konturen. Wir orientieren uns ganz nach GPS. Unser Ziel liegt nordöstlich. Dadurch haben wir den Wind im Rücken. Es schneit ununterbrochen. Wir kommen trotzdem ganz gut voran. Der Hintermann muss immer wieder die Richtung korrigieren, weil man vorn dazu neigt, eine Richtung zu bevorzugen und so langfristig im Kreis zu gehen. Immerzu drückt der Wind den Nassschnee an unsere Rücken, die Anoraks werden tropfnass, halten aber ziemlich dicht. Gegen halb Eins erreichen wir unseren ersten Wegpunkt, etwa 8 km entfernt vom Schlafplatz. Danach ändern wir die Richtung nach Norden. Es geht merklich bergab. Wir können die Felle abnehmen und teilweise schön gleiten. Auf etwa 1200 m wird der Nebel lichter, die Sonne lässt sich ahnen. Bald haben wir wieder halbwegs ordentliche Sicht. Steilere und flachere Abschnitte wechseln sich ab, der Schnee geht langsam in Regen über. Gegen halb zwei machen wir Mittag. Es regnet stark und wir warten, dass es besser wird.
Gegen 3 lassen Wind und Regen nach. Um halb vier gehen wir weiter. Es nieselt jetzt nur noch. Trocken wird man so nicht, aber auch nicht wesentlich nässer. Schon bald geht es ziemlich steil und schnell hinab zum Mælifellsandur. Wir überqueren den Sandur. Gelegentlich lichten sich die Wolken und Berge sind zu sehen. Das sind emotionale Höhepunkte. Inzwischen ist es trocken und ziemlich windstill. Wir schlagen unser Nachtlager auf der anderen Seite des Sandurs auf. Dabei wird klar, dass alles, was nicht wasserdicht verpackt war, heute sehr gelitten hat. Vor allem Gerds Schlafsack. Ihm steht eine grauenvolle Nacht im nassen Schlafsack bevor.


4. Tag: Magnús warnte uns schon in Reykjavík, dass die Strútur-Hütte nicht am Strútslaug zu finden sei, wie ich fälschlicherweise angenommen hatte. Leider wusste er die richtigen Koordinaten auch nicht. Darum Riesenglück, dass am Morgen die Sicht gut> ist. Andernfalls hätten wir die Hütte wohl nicht gefunden.
Der Himmel ist ziemlich klar und es weht immer noch ein kalter, kräftiger Wind, nachdem es in der Nacht ziemlich gestürmt hatte. Die Landschaft ist leicht hügelig und sehr reizvoll. Nach einer guten halben Stunde liegt unter uns eine Senke, an deren westlichem Ende eine Hütte zu erkennen ist. Ich kann kaum glauben, dass das schon die Strútur-Hütte sein soll, unser Tagesziel. Hätten wir das gestern gewusst, wäre Gerd eine kalte, nasse Nacht erspart geblieben. Allerdings gestaltet sich der Abstieg zur Hütte ziemlich schwierig. Wir müssen zwei Mal wieder umkehren, ehe wir einen gangbaren Weg finden. Gegen 11 kommen wir an der Hütte an. Der Schlüssel passt.
Die Hütte ist ganz neu und komfortabel. Nur die Ölheizung funktioniert nicht richtig. Wir werden wieder kaum mehr als 5 Grad Innentemperatur erreichen. Trotzdem ist diese Hütte unsere Rettung, weil Gerd sonst seine nassen Kleider und seinen Schlafsack nicht mehr hätte trocknen können. Draußen zieht es sich langsam zu und wir brechen gegen eins noch zu einer Erkundungstour ohne Gepäck auf, ehe es ganz zu macht. Der weitere Weg über den Torfajökull ist der anspruchsvollste Abschnitt der ganzen Tour und lässt sich nur grob anhand der Karte planen. Das Gelände wird sehr bergig, kleine Einschnitte versperren den Weg, Hindernisse, die man im Sommer ohne Pulka gar nicht wahrgenommen hätte. Selbst der Weg nach Strútslaug ist nicht ohne weiteres machbar, geschweige denn hinauf auf den Gletscher. Nach einer guten Stunde kehren wir wieder um, stark verunsichert wegen des weiteren Streckenverlaufs. Immerhin haben wir eine Vorstellung davon bekommen, wie es klappen könnte. Voraussetzung ist allerdings gute Sicht. Bei Nebel ist der Übergang ohne genaue Kenntnis der Verhältnisse unverantwortlich. Das Wetter ist jetzt sehr schnell schlechter geworden, wir beeilen uns zurück zur Hütte zu kommen.


5. Tag: Das Barometer ist in der Nacht um 13 mbar auf 944 gefallen. Statt auf 550 m liegt die Hütte jetzt auf 660 m. Nachts tobte draußen der Wind und drückte auf die Fenster, dass ich fürchtete sie könnten nachgeben. Ein Sturmtief hat uns voll erwischt, die Sicht ist fast Null und ich habe Probleme, mich auf den Beinen zu halten, wenn ich versuchsweise vor die Türe gehe. Ich schätze die Windgeschwindigkeit auf wenigstens 20 m/s, in Böen sicher mehr.
An Weitergehen ist nicht zu denken. Wir planen alternative Routen für den Fall, dass es schlecht bleibt. Eine Variante wäre der Ausweg nach Osten über die Strútsstígur bis zur Piste F208 nach Landmannalaugar. Das sollte in 2 bis 3 Tagen machbar sein. Schlimmstenfalls müssten wir zurück und dem Mælifellsandur Richtung Südosten folgen. Ansonsten trinken wir Kaffee, lesen, essen und schlafen. Am späten Nachmittag lässt der Wind etwas nach: Gerd baut aus Mangel an Bewegung ein Gletscherklo.


6. Tag: Bestes Wetter. Klar, kalt, wolkenlos, kaum Wind. Wir brechen gegen 10 Uhr auf um über den Torfajökull zu gehen. Schon nach 1,5 km das erste Hindernis: Knapp 30 HM, die am Ende der Strútur-Senke zu überwinden sind. Lächerliche 30 HM, die mir den Rücken auf Wochen hinaus ruinieren. Alles nur, weil ich blöde genug bin, den kurzen, aber steilen Anstieg mit Harscheisen hinaufzusteigen. Das ist fast unmöglich, ich rutsche ständig zurück, bin total verkrampft, komme oben schließlich verkrümmt an und brauche einige Zeit, um mich wieder aufzurichten. Zum Glück sind die Schmerzen erträglich, solange ich mich bewege. Mit Steigeisen wäre mir das erspart geblieben. Wir werden später noch steilere und wesentlich längere Anstiege problemlos meistern. Weiter folgen wir dem Weg nach Strútslaug. Bald versperrt uns ein Einschnitt, im Sommer wohl ein harmloses Bächlein, den Weg. Wir versuchen ihn weiter oben zu passieren und gehen zunächst Richtung NW bergan. Auf etwa 700 m läuft das Bachbett aus und der Übergang nach NO ist möglich. Bislang konnten wir mit Fellen oder Harscheisen gehen. Damit ist jetzt Schluss: Wir nehmen noch eine letzte Stufe hinauf, ehe der steile Schlussanstieg beginnt. Noch einmal eine Pause mit Schokolade, Nüssen und Tee. Der Wind ist mäßig, der Ausblick einmalig: Strútur, Mælifell, Mýrdalsjökull. Im Norden und Osten die Bergrücken des Torfajökull. Uns ist klar, dass der nächste Abschnitt hinauf zum Pass ohne Steigeisen nicht zu machen ist. Wir wissen nur noch nicht, ob er mit Steigeisen zu schaffen ist. Es wird spannend.
Ich gehe als erster los und bin schon nach ein paar Schritten begeistert: Ich fühle mich völlig sicher, kein Rutschen, kein verzweifelter Stockeinsatz. Wenn die Pulka zu kipen droht, gehe ich einach etwas direkter, also steiler nach oben. Das ist anstrengend, aber nicht gefährlich. Ein richtiges Aha-Erlebnis. Von jetzt an werde ich mich im Zweifelsfall immer für Steigeisen entscheiden. Nach ein paar Minuten geht die Befestigung (Plastik!) von Gerds Steigeisen kaputt. Er ruft mir zu, ich solle weitergehen und ohne Schlitten zurückkommen, um ihm zu helfen. Mach ich. Oben am Pass bis ich total euphorisch, Adrenalin pur. Ein Gefühl, wie ich es wohl noch auf keiner Pulka-Tour hatte. Wie besoffen. Ich spurte im Laufschritt zurück, um Gerd zu helfen, in dem Gefühl, dass nichts unmöglich ist. Ich bin fast enttäuscht, dass der seine Steigeisen bereits provisorisch selbst geflickt hat und auch ohne meine Hilfe auf dem Weg nach oben ist.
Nur weiter: Ich platze vor Energie. Der Blick von hier oben am Rand des Torfajökull ist großartig und trägt sein Teil zur guten Stimmung bei. Wir folgen dem Gletscher nach Westen weiter bergan. Wir müssen am Hang gehen, so dass meine Pulka wieder bedenklich schief liegt. Steiler dürfte es nicht mehr sein. Nach ca. 100 Höhenmetern orientieren wir uns neu anhand GPS und der guten Sicht. Wir entscheiden uns für eine Pass im Nordwesten, der gangbar aussieht. Zwar ist davor noch ein tiefer Einschnitt zu erkennen, aber den ignorieren wir, weil uns sowieso nichts anderes übrig bleibt: Eine Alternative ist nicht in Sicht. Es wird sich schon finden. Als wir uns dem Pass nähern riecht es nach Schwefel. Hinter einem kleinen Bergrücken taucht die erste heiße Quelle auf. Dann treffen wir auf den Einschnitt, der schon die ganze Zeit droht und wie durch ein Wunder liegt genau vor uns eine Schneebrücke. Ich komme mir vor wie in der Werbung: Wir machen den Weg frei... Es ist unglaublich, ein Sechser im Lotto. Wir gehen die letzten Meter zum Pass hinauf und haben mit ca. 1100 m unseren höchsten Punkt am Torfajökull erreicht.
Im Westen fallen die Spitzen der Kaldaklofsfjöll sofort ins Auge; sie sehen sehr unzugänglich aus. Unsere Alternativ-Route zum Harfntinnusker führt über diese Berge, falls es sich als unmöglich erweisen sollte, sie nördlich zu umgehen. Auf der Karte sieht diese Nordroute nämlich sehr zerklüftet aus, mit Pulka also schwer zu meistern. Im Norden sieht man die typischen Liparit-Berge, die bezeugen, dass es nicht weit nach Landmannalaugar ist. Neben uns dampft schon wieder eine heiße Quelle und vor uns liegt ein sanft abfallender Hang. Den fahren wir etwa 100 Höhenmeter hinab in ein enges Tal und gehen drüben mit Steigeisen wieder hinauf auf eine Hochebene, die direkt zu den Kaldaklofsfjöll führt. Inzwischen bläst ein kräftiger, kalter Nordwind. Die Kaldaklofsfjöll sehen aus der Nähe noch viel abweisender aus. Auf den Kaldaklofs-Gletscher führt eine Rampe, ca. 150 m hoch und 25 bis 30 Grad steil, die zu überwinden selbst mit Steigeisen schwer sein wird. Wir peilen deshalb den Nordrand der Gebirgsgruppe an und hoffen, dass es dort irgendwie gehen wird.
Es ist schon 4 Uhr nachmittags, der Tag ist nicht mehr lang. Wir kommen in den Schatten der Berge, es wird deutlich kälter. Schon bald sind wir gezwungen in ein Tal abzusteigen, eine der befürchteten Furchen. Wir suchen einige Zeit nach einem möglichen Abstieg - ohne Erfolg: die Hänge fallen plötzlich und viel zu steil ab. Schließlich finden wir einen Einschnitt, der hinabzuführen scheint. Wir folgen ihm eine Zeit lang bis er plötzlich in einer Schneewehe endet, die etwa 3 Meter senkrecht abfällt. Endstation. Schi ab, Steigeisen an und kehrt. Es ist 5 Uhr, schattig, kalt und wir sind sehr müde. Wir hatten den ganzen Tag keine längere Pause, nur etwas Tee und mal ein paar Nüsse oder Schokolade. Wir suchen einen Zeltplatz und beschließen, es Morgen über die Kaldaklofsfjöll zu versuchen, Rampe hin oder her.


7. Tag: Nachts sehr windig und eiskalt, etwa -20 Grad. Den ganzen Tag konnte ich beim Gehen meine Rückenschmerzen ignorieren, aber jetzt im Schlafsack finde ich keine schmerzfreie Position. Ich kann mich kaum drehen und auch nicht schlafen. Hin und wieder schaue ich aus meinem Schlafsack auf das Zeltdach, ob es nicht endlich hell wird. Mir graut vor der Rampe, erst Recht in diesem Zustand. Aber liegen ist noch schlimmer.
Endlich hell. Ich krieche aus dem Zelt, kann mich aber nicht aufrichten. Gerd überlegt schon, ob er einen Rettungshubschrauber für mich braucht. Frühstück, nur nicht bewegen. Schließlich müssen wir los. Ich habe große Probleme, die Schibindung selbst zuzumachen. Die ersten Schritte sind furchtbar, tief gebeugt und auf meine Stöcke gestützt schlurfe ich dahin. Beim Gehen wird es allmählich besser. Ich werde wärmer und wieder beweglicher. Nach einer guten halben Stunde haben wir die Rampe erreicht und ich bin wieder einigermaßen fit.
Ich brauche noch recht lang, um die Steigeisen anzulegen, aber schaffe es immerhin alleine. Dann gehe ich los: Kleine Schritte, gerader Rücken. Es geht ganz gut. Der Anstieg ist sehr steil, aber machbar. Nach nur 20 Minuten haben wir das steilste Stück geschafft. Dann folgt ein sanfter Anstieg auf dem Gletscher bis zum Pass. Oben wechseln wir wieder auf Schi. Es weht ein starker Nordwind, stärker noch als gestern. Da es jetzt nach Norden zum Hrafntinnusker geht, kommt der Wind genau von vorn. Es folgt eine schöne Abfahrt von den Kaldaklofsfjöll. Unten stoßen wir bald auf die Laugavegur: Plötzlich stecken Pflöcke im Schnee, die den Weg von Þórsmörk nach Landmannalaugar markieren. Wir können das Hrafntinnusker-Haus jetzt sehen. Der Weg folgt nun mehr oder weniger den Pflöcken: Immer wieder sind wir gezwungen vom Sommerweg abzuweichen, weil Einschnitte mit hohen Schneewehen mit Pulka unpassierbar sind. Gegen 2 Uhr erreichen wir die Hrafntinnusker-Hütte, unser Tagesziel. Auch hier passt wieder der Schlüssel.
Innen sollte es normalerweise um die 20 Grad (plus) haben, da die Hütte von der nahen heißen Quelle beheizt wird. Leider ist die Heizung kaputt und es sind 0 Grad. Nach dem eisigen Wind draußen ist das aber schon sehr angenehm. Die Sonne scheint durch die Südfenster, wir trinken Tee und Kaffee und essen eine Kleinigkeit. Nach einer guten Stunde kommt ein Schifahrer, verstaut vor dem Fenster seine Schi und steht kurz danach im Zimmer: Magnús. Magnús ist der erste von 5 Isländern, die von Landmannalaugar hochkommen. 2 Frauen, 2 Männer und ein Mädchen von 11 Jahren. Sie werden das Wochenende hier verbringen, sind sehr nett und eine echte Kuriosität: Normalerweise bewegt sich der Isländer nur mit Jeeps oder Motorschlitten im Schnee.
Sie laden uns noch zu einem Spaziergang zu den Eishöhlen auf der anderen Seite des Hrafntinnusker ein. Wir raffen uns also noch einmal auf. Draußen ist es mittlerweile noch kälter, die Sonne schwächer, der Wind stärker. Magnús geht in einer aberwitzigen Geschwindigkeit voran, obwohl er als einziger auf dem kurzen Anstieg zum Gipfelplateau noch seine Telemark-Schi tragen muss. Er ist 55 und unglaublich fit. Auf der anderen Bergseite geht es steil über verharschten, verblasenen Schnee wieder runter. Für Magnús kein Problem, er beherrscht den Telemark-Stil perfekt. Von hinten kommen plötzlich ein paar Jeeps. Auch die fahren den Abhang ohne zu zögern auf dem direkten Weg runter und weiter Richtung Hrafntinnuhraun. In der Eishöhle unten ist es herrlich windstill. Die Wände scheinen aus Marmor zu sein.
Der Rückweg wird nochmal hart, da gegen den Wind. Magnús und Gerd erfrieren sich leicht die Nase. Die Sonne ist fast untergegangen, als wir wieder an der Hütte sind. Es wird noch ein richtig netter, unterhaltsamer Abend. Magnús und seine Frau laden uns für Dienstag zum Abendessen bei sich zuhause in Reykjavík ein. Für uns ein Anreiz morgen (Sonntag) Landmannahellir zu erreichen, um dieses Ereignis keinesfalls zu versäumen.


8. Tag: Minus 18,8 Grad in der Nacht. Trotz der 7 Personen, die in der Hütte schlafen, fällt die Innentemperatur wieder auf 0 Grad und die Fenster sind von Innen vereist. Gegen halb acht stehe ich als erster auf und koche Wasser: Das bedeutet zuerst mal draußen mit dem Eispickel Schnee hacken. Es ist wirklich eiskalt, der Wind hat nicht nachgelassen, bläst stark aus NO. Wir gehen heute vorwiegend nach NW, also wenigstens nicht genau gegen den Wind.
Kurz nach neun brechen wir auf. Mit Steigeisen vollends hinauf auf das Plateau, dann bergab. Es ist nicht gerade eine rasante Abfahrt, aber wir kommen ganz gut voran. Das Gelände ist bald wieder von kleinen Flusstälern durchzogen, die uns dennoch zu Umwegen zwingen. Wenn der Umweg zu groß erscheint, versuchen wir eine neue Technik: Wir gehen mit Steigeisen längs der Falllinie bergab, die Pulkas vorn umgeschnallt. Das geht ganz gut, man kann aber nicht mehr steuern: Die Pulka folgt einfach dem Gradienten und wir hinterher. Wir halten uns rechts des Hrafntinnuhraun und müssen am tiefsten Punkt schließlich einen größeren, größtenteils eisfreien Fluss überqueren. Jetzt kommt uns die Kälte entgegen, wir finden ziemlich schnell eine schmale Eisbrücke. Der Wind bläst unverändert stark und ununterbrochen und macht uns mit der Zeit zu schaffen. An Pause ist nicht zu denken, es ist einfach zu kalt.
Auf der anderen Flussseite beginnt die Jeeppiste nach Landmannahellir, die mal mehr, mal weniger gut zu erkennen ist. Jeeps sehen wir keine. Was man auf der Karte leicht übersieht ist die Tatsache, dass man die ganzen Höhenmeter jetzt wieder hinaufgehen muss, die man seit dem Hrafntinnusker heruntergegangen ist. Es ist etwa halb eins als wir die Piste erreichen und die Kälte und der Wind beginnen mir langsam auf die Nerven zu gehen. Der Untergrund wird immer schlechter, nur noch Harsch und Eis. Die Piste ist mit Pflöcken markiert, die die Orientierung erleichtern. Obwohl wir konsequent der Piste folgen, wird es zum Schluss wieder sehr steil, Steigeisengelände. Ich bin müde und freue mich auf die Abfahrt vom Pass hinunter zur Kringla-Ebene, nicht ahnend, dass daraus nichts wird. Als ich den Pass auf 1050 m erreiche, nehme ich mir zum ersten (uns letzten) Mal an diesem Tag Zeit für ein Foto: Triumphierend über Kälte, Wind und Erschöpfung nehmen wir hoffnungsvoll die Abfahrt in Angriff.
Die beginnt auch vielversprechend auf den ersten 100 HM. Dann führt der Weg - den wir überhaupt nur finden, indem wir in verschiedene Richtungen ausschwärmen - über einen Rücken mit blankem Eis. Die Felle finden keinen Halt mehr, die Harscheisen werden ruiniert. Auf der andern Seite des Rückens findet sich fast kein Schnee mehr: komplett verblasen. Nur in der Rillen der Jeepspuren können wir auf Altschneeresten weiter. Abfahrt kann man das nicht nennen. Nach ein paar hundert Metern erreichen wir einen Ost-West-Pass, wo sich etwas Schnee gehalten hat. Wir sind unsicher, entscheiden uns aber schließlich für rechts, also Osten. Wir fahren in einen steilen Hang, der zwar befahrbar ist, aber so steil, dass wir uns voll konzentrieren müssen, um nicht völlig unkontrolliert nach unten zu rauschen. Unten drehen wir nach Westen ab und erreichen bald die Piste nach Landmannalaugar. Wir sehen sie aber nicht, nicht mal Reifenspuren, weil alles total vereist ist.
Es ist nach 4 Uhr, wir sind fast ohne Pausen seit über 7 Stunden in dieser Eiskälte bei mehr oder weniger direktem Gegenwind unterwegs und mir geht langsam der Saft aus. Das erste Mal auf dieser Tour, dass ich mich zwingen muss, überhaupt noch weiterzugehen. Noch sind es etwa 4 km über die Kringla-Ebene nach Landmannahellir. 4 stinklangweilige Kilometer auf vereistem Grund gegen den Wind bei etwa minus 10 Grad. Ich bestehe auf ein paar Nüssen und Schokolade, dann geht es weiter. Gerd übernimmt die Führung und hat schon bald einen großen Vorsprung. Ich kann mich nicht mehr motivieren schneller zu gehen. Ich krieche förmlich über diese Scheiß-Ebene. Die andere Seite kommt nicht näher, jedenfalls nicht merklich. Frust und Erschöpfung pur. Nur die Hütten halten mich in Gang: Endlich raus aus dem Wind und einigermaßen gemütlich essen. Ich werde immer langsamer, schwanke im Wind. Gerd ist schneller und schwankt auch nicht so leicht. Er muss immer wieder auf mich warten. Nach fast eineinhalb Stunden sehen wir endlich die Häuser in Landmannahellir.
Es sind etliche Hütten, mindestens 5. Sie liegen ziemlich weit verstreut und gehören keinem der Wandervereine. Trotdem habe ich mir den Schlüssel besorgt. Aber zu welcher Hütte? Wir probieren alle - ohne Erfolg. In zwei Schlösser können wir den Schlüssel zwar voll versenken, aber nicht drehen. Ich bin kurz davor einen Anfall zu bekommen. Man stelle sich das vor: Total erschöpft und ausgekühlt nach einem 9-Stunden-Tag ohne ordentliche Pause vor verschlossenen Türen. Die einzige Tür, die sich öffnen lässt, gehört zum Pferdestall. Wir ziehen uns dahin zurück, nur raus aus dem Wind und der Kälte. Auf unserer Kjölur-Tour haben wir schon einmal in einem Pferdestall übernachtet. Aber da gab es wenigstens Stroh; hier ist der ganze Boden voller gefrorener Pferdekacke und ich kann mir lebhaft vorstellen, was passiert, wenn wir versuchen darauf zu schlafen. Die Aussicht draußen auf dem vereisten Boden in diesem Wind zu zelten ist auch nicht berauschend. Also rufen wir Hjámtýr an und schildern ihm unser Problem. Er bietet sofort an, uns noch am selben Abend abzuholen. Wir nehmen dankbar an. Unterdessen probiert Gerd unablässig an einer der Hütten, ob nicht doch der Schlüssel passt. Plötzlich geht die Tür auf. Hjámtýr ist aber schon unterwegs. Immerhin können wir so einigermaßen gemütlich auf unsere Taxis warten. Das Kunststück, diese Tür zu öffnen, gelingt Gerd übrigens kein zweites Mal. Der Schlüssel scheint schlicht eine sehr schlechte Kopie zu sein. Gegen halb elf abends kommen Hjámtýr und seine Freunde und um 2 in der Nacht sind wir zurück in unserem Gästehaus in der Njálsgata in Reykjavík.