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1. Tag: Nach Bergland

Am frühen Nachmittag starten wir im Hafrárdalur, wo die alte Piste aus dem Eyjafjörður ins Hochland ansteigt. Tags zuvor waren wir von Reykjavík nach Brekkulækur gefahren. Dort hatten wir, wie schon 2001, einen wunderbaren Abend mit Fisch, Kartoffeln und Rhabarbernachspeise und eine letzte, komfortable Nacht verbracht, ehe uns heute morgen um 8 Jakob abholte und hierher brachte. Es liegt ziemlich viel Schnee und der Anstieg ist nur für Snowscooter zu schaffen. Jakob versucht es trotzdem, muss aber nach etwa 100 Höhenmetern aufgeben, nachdem er uns beinahe im Abgrund versenkt hätte. Jedenfalls war das mein Eindruck. Danach blieb ihm nur noch ein aberwitziges Wendemaöver mit Hänger auf dem etwa 3 Meter breiten Anstieg, um seine Ehre zu retten.
Bis zur Hochebene sind es etwa 400 Höhenmeter und noch einmal 100 bis zu den Urðarvötn. Ein Stück südlich bei den Seen liegt die Hütte Bergland, nur etwa 8,5 km Luftlinie von unserem Ausgangspunkt entfernt. Trotzdem wird dies heute unsere erste Nachtwanderung im winterlichen, isländischen Hochland werden. Wir wollen diese Hütte heute noch erreichen, weil das Wetter gut ist: Trocken, leichter SW-Wind, knapp unter 0 Grad. Die Vorhersage für morgen ist dagegen abschreckend: Sturm mit 23 m/s aus NO. Da ist Gehen praktisch unmöglich und Zelten nicht schön.
Der Anstieg ist extrem steil und weder für Steigeisen noch Felle geeignet: Die Felle rutschen ab, mit den Steigeisen sinkt man immer wieder bis zu den Waden und tiefer ein. Es geht sehr, sehr langsam. Es ist 4 Uhr vorbei, als wir auf etwa 850 m das Hochland erreichen. Die Luftlinie-Distanz nach Bergland hat sich kaum verändert. Es geht weiter in welligem Gelände, hin und wieder sieht man Snowscooter nach Hause Richtung Hafrárdalur fahren. Dann stellt sich uns der Kerlingarhnúkur in den Weg. Rechts vorbei oder drüber? Gerd ist in einem miserablen Zustand, dehydiert und kaum in der Lage seinen schweren Schlitten zu ziehen. Deshalb tauschen wir die Pulkas und entscheiden uns für den Weg westlich am Berg vorbei, Richtung Urðarvötn. Es ist fast 6 Uhr und bis Bergland sind es immer noch 5 1/2 km.
Es dauert eine weitere Stunde bis wir die Seen erreichen. Nicht dass man sie erkennen könnte, aber das GPS behauptet es und hat immer recht. Gerds Zustand hat sich nicht wesentlich verbessert; wir müssen uns entscheiden, ob wir hier zelten oder weitergehen. Bis Bergland sind es immer noch 3 1/2 km, eigentlich eine lächerliche Distanz, soweit fahre ich morgens mit dem Rad meine Kinder in den Kindergarten, 10 Minuten. Für uns aber noch etwa 1 1/2 Stunden, die wir im Dunkeln gehen müssen; denn es dämmert schon sehr. Wir gehen weiter. Ich setze endlich meine Gletscherbrille ab, die ich ganz vergessen hatte. Das bringt subjektiv sofort eine Stunde und das schöne, zarte, bäuliche Dämmerlicht stimmt mich fast fröhlich. Jedenfalls ist der tiefste Punkt überwunden.
Obwohl noch nicht ganz dunkel, ist die Topografie schon nicht mehr zu erkennen. Wir gehen ausschließlich nach GPS. Zuweilen bildet sich Gerd ein, die Hütte zu sehen, aber es sind nur Steine, höchstens kniehoch. Dann sieht man fast nichts mehr. Einmal noch eine Snowscooterarmada, die aber einige hundert Meter an uns verbeirauscht, ohne uns wahrzunehmen. Der Wind hat sich gedreht und weht bereits aus der angkündigten Richtung NO, was uns gut passt. Gegen 1/2 9 erreichen wir die Hütte, die wir erst sehen, als uns das GPS sagt, dass es noch 50 Meter sind.
Drinnen ist es sehr dunkel und wir beeilen uns, den Gasherd in Gang zu setzen. Es dauert etwa eine Stunde, bis wir so viel Schnee geschmolzen haben, um endlich genug zu essen und zu trinken. Danach gehen wir sofort ins Bett.


2. Tag: Zwangspause in Bergland

Gegen Morgen werde ich wach. Es ist noch dunkel. Der Wind pfeift derart laut ums Haus, dass sofort klar ist, dass es sich nicht lohnt aufzustehen. Ich drehe mich um und schlafe wieder ein. Gegen 9, als es richtig hell ist, stehe ich auf. Das Wasser in den Töpfen und Tassen ist gefroren; wir haben vor allem damit zu tun, uns für diesen zwangsweisen Ruhetag einigermaßen gemütlich einzurichten. Das klappt jetzt im Hellen ganz gut, denn es ist eine seht komfortable Hütte. Die Ölheizung funktioniert, es gibt sogar eine Innnentoilette!
Draußen stürmt es derart, dass es abenteuerlich ist, Schnee zu holen. Zu sehen ist fast nichts, nur verblasener Schnee; ich stelle den großen Topf ab und es bläst ihn einfach weg; er bleibt in den Schneewehen rund ums Haus hängen. Ansonsten vergeht der Tag wie diese Tage immer vergehen: Essen, Kaffee trinken, schlafen, lesen. Der Sturm bläst unvermindert fort, das Barometer fällt weiter.


3. Tag: Laugafell

In der Nacht kurz aufgewacht und sofort gehört, dass der Wind nachgelassen hat. Gegen 6 stehen wir auf; es ist noch dunkel und um 9 brechen wir auf nach Laugafell.
Die Sicht ist gut, der Wind immer noch frisch aus NO, aber kein Vergleich zu gestern. Laugafell liegt ziemlich genau 20 km südlich. Der Wind frischt bald wieder auf, so dass wir froh sind, dass er von hinten kommt. Gemütlich ist es trotzdem nicht. Das Gelände ist wellig und alles in allem etwas eintönig. Die Kuppen der Hügel sind eisig und verblasen, manchmal fast ohne Schnee, so dass nichts anderes übrig bleibt, als die Schlitten übers Geröll zu ziehen. So vergehen die Stunden.
Gegen 3 Uhr nachmittags errichen wir die alte Hütte in Laugafell. Was für ein Traum! Raus aus dem Wind und rein in eine beheizte Hütte. Heiße Quellen machen's möglich. Es ist wirklich Luxus: Warm, fließend Wasser, Licht. 100 Meter entfernt das Badehaus mit beheiztem Klo und der Umkleide für den Pool. Gerd überredet mich zu baden, aber der Weg rein und raus barfuß durch den Schnee und den Wind ist hart; im Wasser ist es zwar warm, aber nicht so richtig gemütlich; nach 10 Minuten fange ich zu frösteln an. Inzwischen ist es Zeit fürs Bett und es schneit.


4. Tag: Nach Nyídalur

Am nächsten Morgen haben wir traumhaftes Wetter: Windstill, klar, mäßig kalt. Gegen halb 9 brechen wir auf, um an diesem Tag möglichst nahe an Nyídalur heranzukommen. Wir umgehen den Laugafell und dann den Háöldur, was uns etwas vom geraden Weg abbringt aber trotzdem recht mühsam ist. Um Mittag herum brennt die Sonne und es geht kaum Wind. Es wird richtig heiß. Ich schwitze und zum ersten Mal wird der Tee knapp. Als wir den Háöldur endlich hinter uns gelassen haben wird die Sicht frei auf den Tungnafellsjökull und davor die weite Sprengisandurebene. Die ist indessen gar nicht so eben, vor allem am Rand durchzogen von kleinen Flusstälern, die immer wieder kurze, teilweise sehr steile Anstiege mit sich bringen. Gift für meinen Rücken, zumal Gerd und ich wieder Schlitten tauschen müssen, weil er immer langsamer wird. Gegen halb sechs, ehe es wirklich eben wird, finden wir einen schönen, geschützten Zeltplatz. Es ist immer noch windstill und wir bauen das Zelt in der letzten Abendsonne auf. Später wird es neblig, aber die Nacht bleibt ruhig und recht mild.


5. Tag: Ankunft in Nyídalur

Der Morgen beginnt wie der Abend endete: Windstill, neblig. Aber die Sonne kündigt sich schon an. Gegen 10 gehen wir los. Es sind noch 15,5 km bis Nyídalur. Die nächsten drei Stunden folgt der eintönigste Abschnitt der ganzen Tour. Der Tungnafellsjökull im Osten scheint nicht recht näher zu kommen, der Hofsjökull im Westen nicht viel weiter wegzurücken. Dazwischen queren wir kerzengerade die Sprengisandur, die hier fast eben ist. Es ist immer noch ziemlich warm und schwach windig aus NO. Die Gedanken verlieren sich in der eintönigen Weite, während ich stundenlang vor mich hintrotte. Dann und wann ein Blick auf meinen Orientierungspunkt am Horizont, hier und da einen Wegpunkt ins GPS genommen. Sonst nichts.
Im Süden lauern schon lange dicke Wolken über den Bergen, die sich dann am frühen Nachmittag vor die Sonne schieben. Der Wind frischt deutlich auf, immer noch aus NO. Die Sicht wird jetzt sehr schnell schlechter, das Licht diffus und der Wind immer stärker. Mit dem Wetter ändert sich auch das Gelände und ist wieder von besagten kleinen Flusstälern durchzogen. Die Schlitten mussten wir auch wieder tauschen und ich quäle mich mit schmerzendem Rücken die steilen Böschungen hinauf. Noch etwa 5 km bis Nyídalur.
Der Wind ist mittlerweile schon wieder so stark, dass mich der "Kampf mit den Elementen" ganz beansprucht; ich brauche nicht mehr nach Gedanken zu suchen. Mein Orientierungspunkt rutscht in dem fortwährenden auf und ab immer wieder aus dem Blickfeld und zwingt mich öfter zu Richtungskorrekturen. Endlich wird nach der hundertsten Böschung der Blick frei auf die Hütten von Nyídalur.
Kaum haben wir den Eingang zur alten Hütte freigeschaufelt beginnt es zu schneien. Eine Stunde später tobt draußen ein Sturm, dass es kaum noch möglich ist, das Haus zu verlassen. Wir richten uns ein während das Unwetter draußen immer schlimmer wird. Zwar gelingt es uns, den Ölofen anzuwerfen, aber das kümmerliche Flämmchen hat keine Chance, die Hütte zu beheizen.
Abends rufen wir Hjámtýr mit dem Satellitentelefon an, das gottlob oben unterm Dachfenster Empfang hat. Der Wetterbereicht für die nächsten Tage ist miserabel: Wind um die 20 m/s aus wechselnden Richtungen, tendenziell auf SW drehend, Schneefall. Sehr instabil, keine Wetterbesserung vor Montag. Heute ist Donnerstag. Bis Jökulheimar brauchen wir bei guten Bedingungen 2 Tage, vielleicht drei. Wir haben keine Lust, bei diesen Aussichten weiterzugehen. Wir werden den Freitag hier bleiben und am Abend wieder das Wetter abfragen. Dann wird man sehen.


6. Tag: Nyídalur

Stehe kurz nach 8 auf. Der Wind hat nachgelassen, bläst aber immer noch kräftig aus SW. Es ist bewölkt, kein Schneefall. Es beginnt die übliche Ruhetagsroutine. Mittags frischt der Wind wieder auf. Ich gehe aufs Klo und auf dem spiegelglatten Eis vorm Haus bläst mich es mich um. Nicht weiter schlimm, nur dass ich mir dabei den Rücken vollends versaue. Ich kann mich kaum noch bewegen und liege für den Rest des Tages im Bett.
Abends lauschen wir wieder Hjámtýrs Wetterbericht. Der ist noch schlechter als tags zuvor: Wind 15 - 20 m/s aus wechselnden Richtungen, am Sonntag bis 30 m/s, Schneefall. Keine Besserung vor Montag. Wir geben auf, weil uns die Zeit davonläuft. Er wird uns morgen in Nyídalur abholen.


7. Tag: Zurück nach Reykjavík

Samstags gegen 4 kommen Hjámtýr und Óskar mit 2 Jeeps und 2 Freunden an. Das Wetter ist ruhig und wären wir nicht verabredet gewesen, so hätten wir uns vielleicht auf den Weg gemacht. Aber die Ruhe trügt; Hjámtýr und Óskar haben es ziemlich eilig: Sie wollen aus dem Hochland raus sein, ehe es losgeht und es wird losgehen. 2 Stunden später, wir trinken gerade Kaffee in Hrauneyjar, wird es schlimmer denn je: Sturm, Schnee, Apokalypse. Gegen 10 Uhr abends kommen wir in unserer Unterkunft in Reykjavík an.
Am Montag treffen wir Hjámtýr und Óskar im Rathauscafé. Sie bringen uns das Morgunblaðið und Daten zum Wetter am Wochenende, gleichsam als Trost und Munition gegen unangebrachte Häme. Windgeschwindigkeiten bis 40 m/s und in der Zeitung ein Bericht über leichtsinnige Snowscooterfahrer am Langjökull, die mit einem Riesenaufwand gerettet werden mussten. Alles in allem kein freundlicher Bericht. Es ist dann tatsächlich ganz tröstlich, nicht auf diese Weise berühmt geworden zu sein.