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Wanderungen auf der Südinsel 1999
Wir gingen die folgenden Wanderungen - so genannte "Tracks" - auf der
neuseeländischen Südinsel im November 1999, also zu Beginn der
"Sommersaison". Der Zeitpunkt war gut gewählt, da zu dieser
Zeit wenig Touristen unterwegs sind. Dennoch sind die
Tracks schon begehbar - sogar der "Dusky Track", zweifellos einer
der schwierigsten und wahrscheinlich auch einer der schönsten. Dass wir
uns auf die Südinsel beschränkten, hatte den einzigen Grund, dass
es auf der Nordinsel permanent regnete, so dass wir unseren Plan aufgaben,
den Tongariro Northern Circuit zu gehen.
Wir waren nur mit dem Bus oder eben zu Fuß unterwegs. Das ist praktisch,
weil die meisten Tracks Streckenwanderungen sind und der Rückweg zum
Ausgangspunkt sehr zeitaufwändig ist.
Ein sehr guter Wanderführer für Neuseeland ist der Lonely Planet
"Tramping in New Zealand". Die Bezeichnungen der Örtlichkeiten im
folgenden Text sind alle aus diesem Führer übernommen.
Abel Tasman Track
Nach den Regentagen am Tongariro auf der Nordinsel,
waren wir richtig heiß
auf Sonne. Der Abel Tasman Track mit seiner Südseeatmosphäre
war da der ideale Einstieg auf die Südinsel. Er führt immer an der
Küste lang, ist sehr einfach zu gehen
und recht stark frequentiert. Alternativ kann man diese Küste
auch mit dem Kajak abfahren.
Zwischen den riesigen Farnen zeigt sich fast immer
weißer Sandstrand.
In seiner ganzen Länge geht man den Abel Tasman Track
von Marahau bis Wainui an fünf Tagen.
Wir haben die Wanderung nach drei Tagen abgebrochen und sind
von Awaroa Bay mit dem Boot zum Ausgangspunkt nach Marahau
zurück gefahren. Das hatte mehrere Gründe:
Erstens war ich erkältet, zweitens schien uns der Weg dann bei aller
Schönheit doch etwas eintönig, so dass es eigentlich
nicht sehr viel von der Strecke zu berichten gibt,
und drittens hatten wir keinen
Brennstoff: Ich weiß leider nie, was Spiritus auf Englisch heißt.
Ich hab's schon wieder vergessen. Also bin ich in Auckland in ein
Sportgeschäft, das auch Trangia-Kocher verkaufte und ließ mir
"white spirit" als den richtigen Brennstoff andrehen. Der Effekt war
beeindruckend. Zum Glück hatten wir gutes Wetter, so dass ich am
ersten Abend draußen kochte. Es war eine lauschige Bucht, kein
Campingplatz und wir waren die Einzigen. Die Stichflamme war so hoch, dass
Sabine
fürchtete, wir hätten den Farnwald in Brand gesetzt. Mein Zelt
hätte das nicht überlebt. Warmes Essen und Tee waren gestrichen.
Am nächsten Tag wanderten wir bis Bark Bay. Dort gab es Holz und eine
Feuerstelle, so dass wir wenigstens am zweiten Tag noch eine warme
Mahlzeit bekamen.
Im Nachhinein war ich froh, dass wir den Abel Tasman abkürzten, weil
wir dadurch am Ende noch Zeit für die schönste Wanderung,
den absoluten Höhepunkt unseres Neuseeland-Urlaubes, fanden:
den Dusky-Track.
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Heaphy Track
Nach der leichten und wie gesagt etwas langweiligen
Abel-Tasman-Küstenwanderung freuten wir
uns auf die Berge: Der Heaphy Track führt in vier Etappen
im äußersten Nordwesten der Südinsel durchs
Mittelgebirge zur Westküste.
Wir fuhren früh mit dem Bus von Motueka zu unserem Ausgangspunkt,
der Brown Hut, südwestlich von Collingwood.
Das Wetter war schlecht, in den Bergen zwischen Motueka und Takaka regnete
es in Strömen und die Sicht war gleich Null. Auf dem Pass machte der
Busfahrer eine kurze Pause, die wir nutzten, um in dem kleinen
Café ofenfrische Muffins zu essen. Die Wirtin sah aus, als sei sie
gerade von Woodstock zurückgekommen und buk großartige
Muffins. Der Stopp lohnt sich.
An der Brown Hut angekommen hatte es zumindest aufgehört zu regnen.
Außer uns starteten noch andere Wanderer, die wir in den
nächsten Tagen jeden Abend (und nur dann!) wieder
treffen sollten: Eine Gruppe von vier
Neuseeländern, zwei Ehepaare um die fünfzig, ein wenig laut,
aber sonst sehr nett; ein Amerikaner, auch nicht mehr ganz jung; eine
neuseeländische Mutter mit ihrer Tochter und schließlich Elmar,
Österreicher Anfang zwanzig, der die freie Zeit zwischen Zivildienst
und Arbeit für einen mehrmonatigen Aufenthalt in Neuseeland nutzte.
Wir sollten ihn in den nächsten Wochen immer wieder treffen und
am Ende den Dusky Track zusammen gehen.
Das sind zwar relativ viel Leute, aber immerhin ist der Heaphy auch einer
der "Great Walks". Und wie gesagt: Tagsüber
verlieren sich die Wanderer auf
der Strecke, man ist für sich.
Die erste Etappe führt auf relativ breitem Weg
ständig bergan zum Perry Saddle (ca. 900 m)
durch einen dichten
Wald, den man als Mitteleuropäer geneigt ist "Urwald" zu nennen. Es
gehört überhaupt zu meinen stärksten Eindrücken in
Neuseeland, dass hier jeder Wald urig erscheint. Nach etwa 800 Höhenmetern
erreicht man die Perry-Saddle-Hut. Wir schlugen neben Elmar unser Zelt
auf und waren froh, nicht in der Hütte übernachten zu müssen.
Dort war es sehr laut und die Luft war schlecht.
Am nächsten Tag geht es durch eine Art
Heidelandschaft
eben oder leicht bergab weiter. Erholsam und ausgesprochen reizvoll.
Etwa bei der Hälfte des Weges, kurz nach der Gouland-Downs-Hut,
durchquert man einen
märchenhaften Wald. Leider nur ein kurzes Stück.
Der letzte Abschnitt führt durch
sumpfiges Gebiet, allerdings komfortabel auf Holzplanken.
Von der James-Mackay-Hütte konnte man im Abendlicht
schon die Westküste sehen.
Der dritte Tag führt bergab in den Regenwald. An der Lewis-Hut
ist der Talboden erreicht. Man würde sich über halbnackte
Eingeborene nicht wundern. Die Landschaft am Heaphy-Fluss hat wirklich
was vom brasilianischen Urwald, auch wenn ich den nicht kenne.
Der
Fluss selbst schlängelt sich faul dahin, an den Ufern
dunkelgrüne, neblige Wälder.
Für mich höchst eindrucksvoll und nach Mittelgebirge am ersten,
Heide und Sumpf am zweiten, nun
am dritten Tag die dritte, völlig neue Landschaft. Das Klima passte
sich dem Eindruck an, es wurde schwül und goss schließlich aus
Kübeln, so dass nicht mal mehr der geradezu tunnelartig verlaufende
Weg durch den
Urwald vor der Nässe schützte. Das Ziel dieses Tages,
die Heaphy-Hütte liegt bereits an der Westküste.
Trotz miserablen Wetters stellten
wir unser Zelt auf, verbrachten aber den Abend in der Hütte: Um uns
zu trocknen, und um den "Sandflies" zu entgehen, die hier zum ersten Mal
so richtig lästig waren.
Die letzte Etappe zieht sich an der
Westküste entlang durch den gleichen
Regenwald, aber immer wieder mit Ausblicken auf den weißen Sandstrand
und die Brandung.
Bei strahlendem Sonnenschein gingen wir im Schatten der Bäume
und hatten doch immer das Gefühl, eine Strandwanderung zu machen.
Laut Sabine die Belohnung für drei Tage Schweiß und Mühe.
Kurz vor dem Ziel hat man noch
Gelegenheit sich an Scotts Beach zu tummeln und die
Zeit bis zur Abfahrt des Buses zu verbringen.
Baden empfiehlt sich wegen des starken Seegangs eher nicht.
Im Ziel trifft man dann die ganzen glücklichen ("we made it!"),
verschwitzen Wanderer mit
denen man vier Tage zuvor startete und die man unterwegs kaum gesehen hat.
Fazit: Eine zwar nicht sehr anspruchsvolle, aber sehr schöne und
abwechlungsreiche Streckenwanderung. Unbedingt empfehlenswert.
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Routeburn Track
Wie schon erwähnt regnete es viel in Neuseeland Ende '99. Zwar hatten wir
im Norden der Südinsel Glück gehabt, aber als wir nach Queenstown,
dem El Dorado neuseeländischer Freizeitgestaltung (das Bungee-Jumpen
wurde an einer Brücke unweit der Stadt erfunden) kamen, lag die halbe
Innenstadt unter Wasser. Normalerweise fährt man mit dem Bus von
Queenstown zum Ausgangspunkt des Routeburn Track; als wir das versuchten
hatte es gerade die Straße weggespült, so dass wir gezwungen waren
ein Stück des Wegs
in Booten zurückzulegen.
Beim Start an der Routeburn Shelter
war aber bestes Wetter. Die Landschaft ist ausgesprochen
alpin. Es geht ein paar hundert Höhenmeter
durch den Wald auf einem guten Bergweg hinauf.
Dann kommt man auf die Routeburn Flats, ein wunderschön gelegenes
Hochtal, eingerahmt von hohen, verschneiten Gipfeln. Hier
gibt es eine Hütte und einen
kleinen Camping-Platz, direkt
am Wasser gelegen. Man könnte sich ohne weiteres vorstellen, hier
einen ganzen Urlaub zu verbringen.
Außer unserem gab es nur ein weiteres Zelt.
Am nächsten Morgen geht es zunächst ziemlich steil bergan zur
Routeburn Falls Hütte.
Das ist eine nagelneue, komfortable Unterkunft, die
um diese Jahreszeit etwas überdimensioniert wirkte: Als wir ankamen, war
sie völlig ausgestorben. In der Hochsaison ist das aber sicher anders.
Die Hütte liegt genau an der Baumgrenze, danach geht es weiter
durch eine typisch alpine Bergwelt: Es könnte auch das Berner
Oberland sein, wenn es denn bewirtschaftete Berghütten,
Seilbahnen und Skilifte gäbe. Am
Harris Saddle
wundert sich der Wanderer, woher auf einmal
all die leute kommen: Es ist gerammelt voll,
überwiegend Neuseeländer,
viele Schulklassen anscheinend, jedenfalls haufenweise Jugendliche und Kinder.
Wer Lust hat, kann hier noch einen Abstecher zum
Conical Hill machen. Das
dauert in Berglauf-Tempo etwa 15 Minuten. Der kleine Ausflug lohnt sich,
weil man von oben einen schönen Blick ins Hollyford-Tal hat, wo
ebenfalls ein bekannter Track langführt.
Unerklärlicherweise ist man bereits kurz nach dem Pass auf dem Weg zur
Mackenzie Hut wieder allein. Es geht oberhalb des Hollyford-Tals den
Hang entlang und
am Ende der Etappe steil hinab zum Ziel. In der Nähe der Hütte
gibt es mehrere kleine, einigermaßen ebene
Lichtungen zwischen dem Gebüsch, auf die jeweils gerade ein
Zelt passt.
Schon abends hatte sich der Himmel zugezogen.
Am Morgen stand unser Zelt im Wasser. Die Rucksäcke in der Apside lagen
in einer tiefen Lache.
Es sprach wieder Mal für mein Hilleberg, dass wir im
Innenzelt völlig trocken geblieben waren. Auch das Dach hielt dicht,
trotz eines notdürftig geflickten Loches, das uns ein
vagabundierender Kea am Fox-Gletscher mit seinen Krallen gerissen
hatte. Der Flicken hält heute immer
noch und der Stoff ist kein bisschen weiter ausgerissen. Es war nass und
kalt. Als ich mich schließlich überwunden hatte rauszugehen, bot
sich ein großartiger Anblick: Eine dünne Schneedecke auf dem Zelt,
den Bäumen und vor allem dem Farn.
Farn mit Schnee! Ich bewertete den
Wetterumschwung sofort als großes Glück. Sabine konnte diese Auffassung nicht teilen.
Wir beeilten uns, die Ruck- und Schlafsäcke unter einen naheliegenden
Unterstand zu bringen, um dann das total nasse Zelt abzubauen.
Es war eiskalt, wir waren nass, klamm und schlecht durchblutet.
Nach einem Blitzfrühstück im Stehen ging es weiter durch die
winterlichen Farnwälder,
vorbei an verschneiten Wasserfällen - wirklich ein großartiger
Anblick. Nach einigen Stunden durch Kälte und Nässe
erreichten wir gerade rechtzeitig zur
Mittagsbrotzeit die Howden-Hütte, in der sich schon einige
Wanderer aufhielten, um zu essen und sich aufzuwärmen.
Anschließend ging es eher
unspektakulär bergab zum Ende des Routeburn, "The Divide",
einer Bushaltestelle mit Anschluss nach Te Anau.
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Dusky Track
Im Lonely Planet "Tramping in New Zealand" werden die Wanderungen von
"easy" bis "hard" qualifiziert. Der Dusky Track wird als "hard"
geführt. Das stimmt. Ich kann mich an keine vergleichbar
beschwerliche Streckenwanderung erinnern, egal ob in Island, Spitzbergen oder
den Alpen. Erleichtert wird der Weg nur dadurch, dass es im Abstand von
Tagesmärschen Hütten gibt, so dass einem das Zelten erspart bleibt.
Es wäre übrigens auch gar nicht möglich zu zelten,
da man dafür
wenigstens drei oder vier Quadratmeter unbewachsenen, halbwegs trockenen
Grund bräuchte.
Dass der Dusky "hard" ist,
liegt zum einen an der Streckenführung: Durch manchmal fast
unpassierbaren Urwald, durch Morast, der die Stiefel regelrecht
einschlürft und über Berge in teilweise sehr steilen An- und
Abstiegen.
Mehr noch liegt es aber am unberechbaren Wetter. Ein Tag Regen
lässt die Pegel der Flüsse derart ansteigen, dass man jederzeit
damit rechnen muss, nur noch schwimmend weiterzukommen. Das ist nicht
übertrieben. Der Wanderer kann sich in der Touristeninformation
von Te Anau ein Bild davon machen: Es liegen eindrucksvolle Alben aus,
die dergleichen belegen.
Auch uns hat man diese Alben gezeigt. Sie haben uns zwar nicht abgeschreckt,
aber zumindest zur Vorsicht gemahnt. Erzählt wird etwa der Fall eines
Mannes, der den Dusky alleine ging und nach anhaltendem Regen
schließlich auf einem Baum endete, wo der die Antenne seines
"Mountain Radio" aufspannte und um Hilfe rief. Nach einer Nacht im Baum
wurde er per Hubschrauber gerettet, er überlebte nur Dank seines
Funkgeräts. Wir mussten also nicht mehr lange überzeugt werden,
uns ebenfalls ein Mountain Radio auszuleihen. Im Übrigen wurde
der Dusky durch diese Bilder und Geschichten nur interessanter. Besonders
reizvoll war, dass wir erst die zweiten in dieser Saison sein
würden,
die sich auf den Weg über den Dusky machten.
Unser Entschluss stand also fest. Trotzdem waren wir erleichtert,
als wir in Te Anau wieder einmal Elmar trafen. Wir mussten ihn nicht lange
überreden, mit uns zu gehen.
Der Dusky Track hat etwa die Form einer Wünschelrute, so dass es mehrere
Möglichkeiten gibt, ihn zu abzugehen: Die kürzeste führt in
fünf Tagen vom Dusky Sound zum Lake Manapouri, der längere Zweig
vom Lake Hauroko zum Lake Manapouri in sechs Tagen
und die dritte Möglichkeit ist eine
Kombination aus diesen beiden und dauert neun Tage. Alternative eins erfordert
Transport mittels Flugzeug zum Dusky Sound; Alternative Zwei ist eine
Kombination von
Bus-, Auto- und Boottransfer. Wir entschieden uns
für die Sechs-Tages-Variante.
Früh morgens stiegen wir in den Bus in Richtung Süden. Wo die
Straße zum Lake Hauroko abzweigt wartete ein Wagen auf uns. Wie stiegen
um, hängten unterwegs noch ein Boot an den Wagen
und fuhren weiter zum See. Es
dauerte eine Zeit bis das Boot zu Wasser gelassen war, aber dann folgte
eine idyllische Fahrt über den Lake Hauroko. Der See sieht aus
wie ein Fjord: Schmale, lange Arme, steile, bewaldete Ufer.
Weit und breit kein Mensch, keine Siedlung, nicht mal ein Blockhaus,
einfach nichts als Wald und Wasser. Es dauerte etwa
45 Minuten bis zum nördlichsten Punkt, wo der Dusky Track beginnt.
Es gab keinen Bootssteg, so dass wir schon das erste Mal nasse Füße
bekamen, als wir an Land gingen. Das war der passende Einstieg in den
Dusky Track: Wir sollten uns in den nächsten Tagen noch an die nassen
Füße gewöhnen.
Es war schon ein seltsames Gefühl, als unser
Boot beidrehte und
uns zurückließ.
Wir kamen uns schon sehr alleine vor und sollten die nächsten sechs
Tage auch niemanden mehr sehen.
Nach mehreren Stunden mit Auto und
Boot durch unbewohnte Gegend wurden wir an diesem gottverlassenen Ort
ausgesetzt und wussten nicht recht, was uns erwartete. Wir gingen zunächst
in die Hütte, um einen Happen zu essen und den Sandflies zu entkommen.
Diese widerwärtigen Mücken gibt es ja auf ganz Neuseeland und wir
hatten sie auch hie und da schon getroffen. Aber nirgends waren sie auch nur
annähernd so nervtötend wie in den folgenden Tagen auf dem
Dusky Track. Wir mussten uns bewegen oder in die Hütten flüchten,
andernfalls krochen sie in jede sich bietende Öffnung: Ohren, Nase,
Mund.
Unser Bootsführer hatte uns die erste Etappe als "easy" beschrieben,
ohne größere Höhenunterschiede würden wir die
Halfway Hut in höchstens sechs Stunden erreichen. Das stellte sich schon
bald als falsch heraus, jedenfalls für uns.
Die Strecke führt längs des Hauroko Burn
durch den
Urwald nach Norden. Das Gelände ist in der Tat
meistens eben. Der Weg ist zwar gekennzeichnet, die Wegzeichen aber oft
schwer zu entdecken und der Pfad manchmal fast vollständig
überwuchert und daher kaum erkennbar.
Im Gegensatz zum Routeburn oder Heaphy war hier nichts ausgeholzt.
Wir waren vor allem damit beschäftigt, über glitschige
Wurzeln und Baumstämme zu steigen und die zahllosen sumpfigen
Stellen zu umgehen. Mit mäßigem Erfolg. In den nächsten
Tagen würden wir diese lächerlichen Versuche einstellen und so
etwas schneller voran kommen, aber am ersten Tag lebten wir noch in der
Illusion, es sei möglich den Dusky Track halbwegs trockenen Fußes
zu gehen. Landschaftlich war es natürlich schwer beeindruckend: Wann
kommt man schon mal durch einen derart unwegsamen,
dichten, nassen, schlammigen Urwald? Wir brauchten über acht Stunden
für die erste Etappe. Abends heizten wir unseren "Klondike"-Kanonenofen
ein und verbrachten eine ruhige Nacht, lediglich gestört durch das
Rascheln der Mäuse. Sabine und ich waren vorsichtig genug, unseren
gesamten Proviant an Schnüren, die eigens zu diesem Zweck gespannt
waren, unters Dach zu hängen. Elmar hielt das nicht
für nötig, mit dem Ergebnis,
dass er am nächstren Morgen sein Müesli vom Tisch kehren konnte.
Am nächsten Tag ging es zunächst so weiter wie es am Vorabend
aufgehört hatte: Im Schlamm durch den Urwald. Nach knapp vier Stunden
verlässt man das Tal des Hauroko Burn und steigt auf zur Lake Roe Hut.
Die ist auf der "Pleasant Range" gelegen, einer Bergkette gefällig wie
das Berner Oberland: Man könnte glatt vergessen, dass unten im Tal der
Urwald lauert. Tatsächlich kamen wir sofort besser voran, nachdem wir den
Urwald verlassen hatten, trotz des steilen Anstiegs zur Lake Roe Hut. Wir
erreichten die Hütte schon am frühen Nachmittag, was angesichts
des prachtvollen Wetters Elmar und mich veranlasste, noch einen Ausflug
ohne Rucksack auf die Pleasant Range zu machen und unter anderem einen
Blick auf den
Dusky Sound zu werfen. Der Ausflug lohnte sich: Am nächsten
Tag sollten wir diesen Abschnitt bei Nieselregen und Nebel gehen.
An der Lake Roe Hut testeten wir erstmals unser Mountain Radio. Es war nicht
gerade handlich. Die meterlangen Antennenkabel müssen möglichst
hoch und weit auseinander in Bäume oder Sträucher eingehängt
werden, um einen passablen Empfang zu haben. Wir hörten den Wetterbericht
ab, so dass der Umschwung am nächsten Tag keine Überraschung
mehr war.
Von der Lake Roe Hut ging es am dritten Tag zunächst über die
Pleasant Range nach Westen. Das ist ein relativ steiler und beschwerlicher
Anstieg, aber kein Vergleich zu dem ungleich steileren und beschwerlicheren
Abstieg zum Loch Maree. Der ist ohne Seil überhaupt nur deshalb
möglich, weil auf den Berghängen Fjordlands nur sehr
dünn Erde liegt, so dass die Wurzeln der Bäume daraus hervorragen und
als Steighilfen dienen. Trotzdem zog sich dieser Abstieg mit den schweren
Rucksäcken über mehrere Stunden. Als wir schließlich
den Unterstand dieseits des großen Walkwire über den Seaforth
River erreicht hatten, bewegten wir uns nur noch mechanisch, das Denken hatte
längst ausgesetzt.
Loch Maree
kommt auf dem Dusky Track besondere Bedeutung zu. Es dient als
Wasserstandsanzeiger und gibt Auskunft darüber, ob überhaupt
noch an ein Weiterkommen zu denken ist. Im See gibt es zahlreiche abgestorbene
Baumstämme; die Regel heißt, dass diese wenigstens einen halben
Meter herausragen sollten, andernfalls bewegt man sich im Tal des Seaforth
River - von uns später auch "Tal des Todes" genannt - nur noch schwimmend
fort. Schon oben auf der Pleasant Range hat man einen guten Blick auf den
See und seine abgestorbenen Baumstämme, so dass man sich gleich überlegen kann, ob man den Abstieg überhaupt wagt. Wir hatten wegen des
relativ trockenen Wetters der letzten Tage Glück: Die Stämme waren
deutlich zu erkennen.
Kurz vor der Lock Maree Hut überquert man den längsten
Walkwire
auf dem Dusky, wenn nicht auf Neuseeland.
Diese Walkwires
sind einfach drei Drähte, zwei für die Hände, einer für
die Beine, die alle paar Meter durch senkrecht verlaufende Drahtstücke
oder ähnliches miteinander verbunden sind.
Die Überquerung ist aber kein Problem.
Die Hütte am Loch Maree
ist wie alle anderen auf dem Dusky: Klondike und Mäuse.
Und ein Kontakt. Darin findet man eine Fülle von Einträgen,
die bezeugen, dass Wanderer tagelang festsaßen, weil ihnen das Wasser
bis zum Hals stand. Wer nicht genügend Zeit mitbrachte,
konnte versuchen sich
zum Dusky Sound durchzuschlagen und ausfliegen zu lassen.
Leider kann ich mich an die meisten Einträge nicht mehr genau
erinnern, aber einer war sehr kurz und einprägsam: "I want my Mommy!"
Angesichts des instabilen Wetters, beschlossen
wir deshalb, am nächsten Morgen früher loszugehen.
Am späten Abend fing es tatsächlich zu regnen an. Ich schlief
vor Nervosität schlecht und war schon kurz nach fünf auf den
Beinen. Eine Stunde später machten wir uns auf den Weg. Es regnete immer
noch, aber die Baumstämme im See waren noch zu sehen.
Schon nach wenigen Minuten kam der erste Test: Der Pfad führt nahe ans
Wasser und ist daher schnell überschwemmt. Das hatten wir schon im
Hüttentagebuch gelesen. Wir hatten Glück und mussten nicht
schwimmen. Es ging weiter längs des Seaforth River durch
den Regenwald. Der Fluss liegt meistens sehr still da, scheint kaum zu
fließen, es ist warm, aber trüb und nieselt immer wieder. Aber
zum Glück noch nicht der starke Regen. Es ist nicht so matschig wie
befürchtet. Wir müssen nur einmal durch einen etwas
tieferen
Flussarm waten, was aber kein Problem ist. Trotzdem kommen wir sehr
langsam voran. Im "Lonely Planet" ist die Strecke Kintail Hut nach
Loch Maree mit 4-6 h angegeben. Das ist zwar der umgekehrte Weg und deshalb
einfacher, da überwiegend bergab; trotzdem scheint es mir sehr knapp
kalkuliert, wie alle Zeitangaben auf dem Dusky. Wir brauchen jedenfalls
schon etwa 6 h bis zum Kenneth Burn. Danach ändert sich der Charakter der
Strecke: Nicht mehr eben durch dem Sumpf, sondern teilweise steil bergauf
zum Gair Loch und weiter zur Kintail Hut. Am Beginn dieses Aufstiegs ist
der Weg sehr schlecht zu finden, da völlig
zugewachsen. Wir kriechen
teilweise auf allen Vieren durchs Farn. Der Vordermann ist bereits nach wenigen
Metern nicht mehr zu sehen. Dafür ist der Anstieg ziemlich trocken.
Als wir uns Gair Loch nähern fängt es stärker an zu regnen.
Es wird wieder recht sumpfig, der Pfad ist immer noch kaum zu erkennen. Auf der
Karte hat es den Anschein, als seien wir gleich am Ziel. Aufgeheizt vom
Anstieg verzichte ich darauf, etwas überzuziehen, um mich vor dem immer
stärker werdenden Regen zu schützen. Das war ein Fehler. Nach
mehr als einer Stunde sind wir immer noch nicht an der Hütte. Ich bin
inzwischen nass bis auf die Haut und völlig ausgekühlt. Wir
schleppen uns noch eine halbe Stunde dahin und erreichen endlich die
Kintail Hut. Nach etwa elf Stunden!
Ich war völlig am Ende, erschöpft und ausgefroren. Wir beeilten uns,
einzuheizen und Wasser zu kochen. Inzwischen regnete es sehr stark und
Wasser holen war eine Strafe. Neben der Hütte fließt manchmal
ein kleiner Bach, aber der war ausgetrocknet, als wir ankamen, so dass
wir unser Wasser irgendwo aus den sumpfigen Wiesen weiter unten schöpfen
mussten. Nach etwa zwei Stunden konnten wir beobachten, was der Regen
in kurzer Zeit bewirken kann: Das ausgetrocknete Bachbett hatte sich in
ein Wildwasser verwandelt. Wir waren froh, das tiefliegende "Tal des Todes"
bereits größtenteils hinter uns zu haben.
Am nächsten Tag sollten wir es endgültig verlassen: Schon kurz
nach der Hütte beginnt der Anstieg zum Centre Pass. Aber schon das
kurze Stück bis zur Brücke über den Seaforth reichte mir,
um nicht nur wie üblich nasse Füße zu bekommen, sondern
komplett Baden zu gehen. An einer besonders sumpfigen Stelle will ich
auf einer kleinen Insel stehend Sabine fotografieren und verliere
dabei das Gleichgewicht. Danach liege ich samt Rucksack bis zum Hals im
Dreckwasser. Immerhin gelingt es mir, die Hand mit dem Foto
über Wasser zu halten. Ich verfluche dieses Tal und den ganzen Track, aber
dann geht es wieder. Sogar ganz gut. Die nassen Klamotten stören mich
weniger, als befürchtet. Ich habe mehr an als gestern und verliere
nicht allzuviel an Wärme. Am
Centre Pass blicken wir ein letztes
Mal zurück in dieses Tal, das uns soviel Kraft gekostet hat und machen
uns an den Abstieg zur Upper Spey Hut. Der Weg wird nass und nässer,
wir wissen bald nicht mehr, ob wir überhaupt noch auf einem Pfad oder
in einem Bachbett gehen. Wir haben längst völlig aufgegeben,
trockene Passagen zu finden und gehen stattdessen nur noch das, was wir
für den kürzesten Weg halten. Schließlich erreichen wir
die Upper Spey Hut, sogar einigermaßen in der Zeit. Weil die Schuhe
von all dem Schlamm, Wasser und Schweiß erbärmlich stinken,
versuchen wir in einem nahegelegenen Bach, den dicksten Matsch aus ihnen
rauszuwaschen. Das hält man aber nur wenige Minuten aus, weil einen
die Sandflies sonst umbringen.
Letzter Tag. Zurück in die Zivilisation: Trockene Kleider,
anständiges Essen, Bier. Die Etappe von der Upper Spey Hut bis zur
Straße von Deep Cove zum Westende des Lake Manapouri ist relativ
kurz und einfach. Wahrscheinlich wäre uns das am ersten Tag
ganz anders vorgekommen, weil wir noch versucht hätten, die Schuhe
trocken zu halten. Mittlerweile spielt das keine Rolle mehr. Wir stapfen
teilweise knietief durch den Schlamm und finden es nur noch lustig. Es hat
sogar einen sportlichen Reiz, möglichst schnell und geradlinig auch die
sumpfigsten Stellen zu durchqueren. Nur Sabine müssen wir einmal helfen,
weil sie alleine nicht mehr aus dem Schlamm rauskommt. Wir erreichen die
Straße schon nach weniger als vier Stunden.
Als wir später in Manapouri, am anderen Ende des Sees anlegen,
schmeiße ich meine stinkenden Schuhe in den nächsten Mülleimer.
Wer den Dusky geht, sollte keine neuen Wanderschuhe anziehen.
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